‹Brain Drain› durch Smartphones?

Monokausale Erklärungen für sinkende Schulleistungen genügen nicht

Salita Fausto Coppi hinauf nach Mombarcaro (896 m ü. M.), dem höchsten Punkt der Langhe, gerade noch einmal geschafft

Ferienhalber gerade wieder im Piemont weilend, präsentiere ich dieses Mal – feriengerecht – nur eine Art Zitatensammlung, allerdings zu dem ganz wichtigen Thema ‹Dekadenz im Schul- und Bildungsbereich›. Das klingt zunächst mal nicht sehr originell, denn mittlerweile ist die Schul- und Bildungsdebatte über verfehlte Reformen auch in der Öffentlichkeit angekommen. Das war im Oktober 2020 noch nicht im selben Ausmass der Fall. Damals hatte ich in einem Gastkommentar in der NZZ mit dem Titel «Gute Gründe gegen das Stimmrechtsalter 16» folgende Frage aufgeworfen:

Es geht also bei ‹Stimmrechtsalter 16› – auch noch tiefere Altersgrenzen wurden schon gefordert – um die jüngeren Jahrgänge der Gen Z. Wenn ich Gen Z google, kommt KI-gestützt folgende Kurzbeschreibung:

Klingt alles schön neutral und harmlos – zu harmlos. Die Beschreibung ist verharmlosend.

Alarmierender Leistungsabfall
Denn inzwischen gibt es genügend seriöse Untersuchungen über den alarmierenden Leistungsabfall (‹Brain Drain›) der Gen Z. Im Schul- und Bildungsblog Condorcet lese ich dieser Tage in einem Abdruck eines Artikels aus der deutschen Zeitung ‹Welt› mit dem Titel « ‹Dümmer› als vorherige Generationen – der beunruhigende Verfall in der Gen Z» die Urteile von kritischen Fachleuten heutiger Unterrichtsformen und -inhalte. Zum Beispiel sagte der US-amerikanische Neurowissenschafter Jared Horvath bei einer Anhörung im US-Senat:

Kurz gesagt, macht Horvath für das Phänomen des ‹Brain Drain› vor allem eine übertriebene und falsch eingesetzte Digitalisierung des Unterrichts für den Niedergang verantwortlich. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, stimmt Horvath zu:

Zusätzlich zur übertriebenen Digitalisierung des Schulunterrichts sieht Zierer aber auch eine durchdigitalisierte Lebenswelt der heutigen Jugendlichen als Ursache der sinkenden Bildungsleistungen. Wichtigster Treiber des ‹Brain Drain›-Effekts sei das Smartphone.

Schäden zeitgeistiger Reformen
Auch bei uns wurden Gen Z-Schüler als erste Generation ideologisch aufgeladenen Reformen unterworfen und mit den progressiven Lerninhalten der Bildungsbürokratie gefüttert. Der Nidwaldner Regierungsrat und Bildungsdirektor Res Schmid (SVP) schilderte im Zusammenhang mit seinem bevorstehenden Rücktritt öffentlich wahrnehmbar all die negativen Folgen dieser zeitgeistigen Reformen. Fast etwas resigniert klang Schmid, als er den grossen Widerstand der für Fehlentwicklungen Verantwortlichen in Politik und Bildungsbürokratie gegen Korrekturen beklagte. Ganz deutlich äusserte er sich auch zur ideologischen Gehirnwäsche via Lehrmittel in einem Interview mit der NZZ:

Die Digitalisierung und das Smartphone sind somit nicht die allein Schuldigen. Zu den ernüchternden Resultaten der jüngeren Zeit bis hinauf in den Hochschulbereich haben auch fragwürdige Schul- und Bildungsreformen beigetragen. Zum Beispiel diese: Aus falscher Rücksicht auf schwächere Schüler wurden die Anforderungen immer weiter gesenkt. Sinnbildlich für solche ‹Reformen› steht das Schreiben nach Gehör. Wer mehr wissen will, kann sich auf dem Condorcet-Blog, der besten reformkritischen Plattform informieren.

Der Leistungsabfall der GenZ ist durch Leistungsmessungen erhärtet. Leider ist zu vermuten, dass die fehlende schulische Leistungsbereitschaft nur in westlichen Wohlfahrtsstaaten zu beobachten ist. Dort konnten sich in einer zunehmend permissiven gesellschaftlichen Atmosphäre ideologisch aufgeladene Schulreformen leicht durchsetzen.

Europa als Verlierer
Der Kontrast zu den kompetitiven Schulsystemen asiatischer Länder ist offensichtlich, nicht erst seit heute. Gunnar Heinsohn, der verstorbene Bremer Professor für Sozialpädagogik, verwies in Medien und Referaten schon vor Jahren auf die enormen Leistungsunterschiede zwischen asiatischen und europäischen Schülern, zum Beispiel gemessen an den Resultaten von ‹Trends in International Mathematics and Science Study (Timss)›. Schulische Leistungen begriff Heinsohn als vorauslaufenden Indikator für den Erfolg einer Gesellschaft. Aus dieser Perspektive prognostizierte er, Europa werde den globalen Kampf um das technische Wissen verlieren.

Als wichtigen Grund für den Vorsprung asiatischer Länder nannte Heinsohn in einem älteren NZZ-Beitrag nicht zuletzt die unterschiedliche Immigrationspolitik. Asiatische Staaten nehmen mithilfe rigoroser Selektion nur Einwanderer auf, die mindestens ihre durchschnittliche Eigenkompetenz erreichen. In den meisten Ländern Europas wirkt die zahlenmässig dominierende Immigration aus Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten umgekehrt, nämlich für die ganze Gesellschaft leistungssenkend. Die Schweiz profitierte bisher unter dem Freizügigkeitsregime immerhin noch von der Zuwanderung der besten europäischen Talente. Aber beim Abfall der schulischen Leistungen gibt es keinen Sonderfall Schweiz.

2 thoughts on “‹Brain Drain› durch Smartphones?”
  1. Die Analyse und der Kommentar von Bruno Gehrig sind leider zutreffend und bedenklich. In dieses Kapitel gehört auch die Frage, wohin das führt? Werden Privatschulen immer gefragter, zum Nachteil der staatlichen Schulen und öffnet sich dabei eine neue soziale Kluft, können sich Privatschulen doch längst nicht alle leisten. Die Kosten gehen z.T. in die Zehntausende von Franken pro Jahr.
    Hans Reis

  2. Für das Bildungsdesaster gibt es meines Erachtens drei Hauptgründe:
    Erstens ist die GenZ die erste Generation, die als Digital Natives mit Smart Phone und Social Media aufgewachsen ist. Das ist ein klarer Nachteil für ihren Bildungsstand, wie das viele Untersuchungen belegen.
    Zweitens ist das Bildungswesen während Jahrzenten stark in die Hände der Linken und Progressiven geraten. Es ist gezeichnet von ihrer Weltsicht und ihren Ideologien, die weit weg von Lesen, Schreiben und Mathematik ist. An den Pädagogischen Hochschulen oder gar im einzelnen Lehrmitteln klaffen allzuviele ideologische Inhalte anstelle des objektiven Schulungserfolgs.
    Und drittens haben wir – im Gegensatz zu den meisten asiatischen Länden – in der Migration Fehler gemacht. Wir haben alle genommen und zu wenig auf ausreichende Eigenkompetenz geachtet, die das Lernniveau stützen würde. Das ist ein gravierendes Problem, insbesondere in den Städten.

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