Pro Kernenergie: Energieminister Albert Rösti und Nebelspalter-Kolumnist Martin Schlumpf
Den folgenden Text schrieb ich bereits vorletzten Samstag, geplant für eine Veröffentlichung am Mittwoch dieser Woche. Da am Dienstag in der NZZ eine neue ETH-Studie besprochen wurde, die einige Argumente enthält, die in meinem Beitrag auch vorkommen, publizierte ich diesen vorzeitg. Es sollte nicht der Eindruck entstehen, ich sei ein NZZ-Plagiator. Zitat aus der NZZ vom 1. Juli: „In einer detaillierten Analyse der politischen Prozesse kommen die Studienautoren zum Schluss, dass ein neues Kernkraftwerk frühestens um 2050 herum in Betrieb gehen könnte – und auch das nur, wenn es keine grösseren ungeplanten Verzögerungen gibt.“
Endlich beschäftigen sich Forscher auch mit meinem thematischen Steckenpferd, nämlich mit den zähflüssigen politischen Prozessen im eidgenössischen Dickicht der Institutionen. Doch was für den Bau neuer AKW gilt, ist für den notwendigen Ausbau von Solar, Windenergie und Wasserkraft mit dem Ziel „netto null 2050“ nicht anders. Allein schon die formellen politisch-regulatorischen Hürden haben beträchtliches Verzögerungspotenzial. Aber es könnte, zum Beispiel gegen angeblich 2’000 notwendige Windturbinen, auch militanten Kaiseraugst-artigen Widerstand in der Bevölkerung geben. Das wären dann „ungeplante Verzögerungen“ im Sinne des NZZ-Zitats.
Express geht gar nichts
Da flattert mir jüngst, wie von der Vorsehung gesendet, das neuste Enegiejournal von „energieschweiz“, der Propaganda-Plattform des Bundesrats für die Energiewende, ins Haus. Im publizierten Interview spricht Energieminister Albert Rösti, Chef des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK, eines der Grundprobleme schweizerischer Politik an: „Seit 2011 diskutieren wir über die Energiewende, nun wäre es an der Zeit, die Beschlüsse umzusetzen… Jetzt arbeiten wir am Beschleunigungserlass – danach muss endlich mehr passieren.“
Allerdings zählt Bundesrat Rösti im gleichen Interview all die vielen Verzögerungs- und Verhinderungskräfte auf, welche die überstürzte Fukushima-Leuthard-Energiewende auch im öffentlichen Bewusstsein zunehmend als illusionäres Projekt erscheinen lassen. Ein derart konfliktreiches Grossprojekt im Dickicht der eidgenössischen Institutionen auf einen Expresskurs bringen zu wollen, scheint mir angesichts der erlebten Erfahrungen ziemlich vermessen.
Es gibt da noch ein zweites Grundproblem, das vieles erklärt, was wir mit dieser unüberlegten Weichenstellung auf einem existenziell wichtigen strategischen Handlungsfeld des Staates bisher erlebt haben. Die Politik in unserer Demokratie mit direkten Volksrechten orientiert sich am durchschnittlich eher mässigen Problemverständnis und am zeitlich kurzen Interessenhorizont der stimmberechtigten Bevölkerung. Schlimmer noch: Diese Bevölkerung ist propagandistisch den dominierenden meinungsmachenden Institutionen ausgesetzt, die weitgehend staatlich oder staatsnah sind und die offizielle Energie- und Klimapolitik stützen. Und dann stellt man fest, dass der sogenannte Souverän sehr unsouveränes wankelmütiges und widersprüchliches Verhalten zeigt. Zuerst stimmt er in Volksabstimmungen einer schnellen Dekarbonisierung zu, und dann verhindert er in allen möglichen Formen des Widerstands die Umsetzung dieses selbst gegebenen Auftrags an die Politik. Die Lehre daraus: Wunschdenken hält vor der Wirklichkeit nie stand.
Schlumpf unterstützt Rösti
Mit dem Wechsel an der Spitze des Departements UVEK von der SP-Frau Simonetta Sommaruga zum SVP-Mann Albert Rösti hat sich nun spät, aber doch noch die Einsicht durchgesetzt, dass das Netto null 2050-Ziel ohne Kernenergie nicht zu erreichen ist. Ähnlich denkt man in vielen anderen Ländern. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) planen über 40 Länder, entweder neu in die Kernkraft einzusteigen oder ihre bestehenden Kapazitäten auszubauen, darunter auch mehrere europäische Länder.
Unterstützung findet der neue Realismus im UVEK aber nicht seitens unserer Renommier-Hochschule ETHZ oder auf den öffentlich-rechtlichen SRF-Kanälen, sondern vom pensionierten Musikprofessor und Nebelspalter-Kolumnisten Martin Schlumpf. Ich bin mit ihn befreundet und habe früher mit ihm einen Energie-Klima-Podcast gemacht. Die betreffenden You Tube-Videos sind auf diesem Blog über die Menüleiste auf der Startseite frei zugänglich. Inzwischen schreibt Martin Schlumpf auf „nebelspalter.ch“ seit langem fast wöchentlich eine Kolumne, in der er energie- und klimarelevante Daten analysiert. Die Daten stammen durchwegs aus seriösen, öffentlich zugänglichen Quellen, teils auch vom BfE. Untenstehend sind vier Abbildung aufgeführt, die Martin Schlumpf kürzlich erstellt und kommentiert hat. Ich beschränke mich auf Kürzestkommentare.
Grundproblem „Winterstromlücke“
Die Fukushima-Leuthard-Energiewende beruhte auf viel Wunschdenken, zum Beispiel auf der Reduktion des wachsenden Stromverbrauchs durch Effizienzsteigerungen. Die Elektrifizierung von Mobilität und Gebäuden plus das Wirtschaftswachstum verursachen aber einen vorsichtig geschätzen Mehrverbrauch von 27 Terawattstunden (TWh), wie in der Abbildung unten dargestellt.
Unser Hauptproblem in der Schweiz ist die sogenannte Winterstromlücke in den vier Monaten November bis Februar. Aufgrund der Daten des BfE schätzt Schlumpf einen Anstieg des durchschnittlichen Monatsverbrauchs von heute 5.8 auf 9.25 TWh:
Die gemäss BfE geplanten Ausbauvorhaben (nach Energieperspektiven 2050+) für die sogenannt Erneuerbaren Solar, Wasser und Wind, die in der Realisierung noch nicht gesichert sind, hinterlassen im Jahr 2050 in den vier Wintermonaten geschätzte 17 TWh an fehlendem Strom. Der geschätzte Verbrauch von 37 TWh ergibt sich aus vier mal die monatlichen 9.25 TWh in der Grafik oben. Die Erzeugung beläuft sich aber nur auf schätzungsweise 20 TWh:
Um diese Lücke von 17 TWh zu schliessen, gäbe es die Notlösungen Gaskraftwerke und Stromimporte. Gaskraftwerke müssten CO2-frei laufen, und Stromimporte müssten dannzumal auch verfügbar sein – beides sehr wackelige Hoffnungen. Schliesslich kommt dann immer die Patentlösung Speicherung von Sommerüberschüssen mit Wasserstoff ins Spiel – Überschüsse aus unrealistisch mehr PV-Zubau. Schlumpf hat berechnet, dass es für die Untergrundspeicherung der notwendigen Mengen 22 Gothardtunnels brauchen würde:
Weshalb man einem solchen Hirngespinst nachrennt, wenn doch mit der Kernenergie eine bestehende, sichere und in technologischer Weiterentwicklung begriffene Stromproduktion zur Verfügung steht, lässt sich nur mit dem missionarisch-fundamentalistischen Geist der links-grünen Energiewende erklären. Auch die für eine Batteriespeicherung notwendigen Kapazitäten übersteigen nach Schätzungen von Schlumpf jede realistische Vorstellung.
Verrat an der Energiewende?
Die organisierte Gegnerschaft der Kernenergie in Parteien und Verbänden ist bestrebt, das Leuthard-Sommaruga-Modell mit allen Mitteln voranzutreiben. Ein wichtiger Antrieb ist die Aussicht, laufende oder neue AKW unwirtschaftlich zu machen. Sollten in den sonnenreicheren Monaten des Sommerhalbjahres einmal die sogenannt Erneuerbaren genügend Strom liefern, müssten in dieser Zeit AKW abgestellt werden. Mit einer solchen Ersatzfunktion für Strommangellagen in den Wintermonaten würde der Betrieb natürlich unwirtschaftlich. Das wäre gleichsam eine Umkehrung der bisherigen verlässlichen und fast CO2-freien Stromproduktion mit Schwergewicht auf Wasser und Kernkraft, die das Gegenmodell zur missionarisch betriebenen links-grünen Energiewende darstellt.
Der von Rösti unterstützte Ausstieg aus dem Atomausstieg ist deshalb für die Anti-Atom-Missionare ein Verrat an der Energiewende. Sie wissen natürlich, dass die Rückkehr zur Kernenergie längerfristig die sogenannt Erneuerbaren Solar und Wind in eine Ergänzungsfunktion zurückstufen, wenn nicht sogar überflüssig machen könnte. Ein späterer Ausstieg aus Solar und Wind ist durchaus denkbar, müssen doch die betreffenden Infrastrukturen in eher kurzen Zeiträumen jeweils teilweise oder ganz ersetzt werden.
Politik in der Schweiz heisst, besonders dicke Bretter bohren
Wenn als Argument gegen die Rückkehr zur Kernenergie vorgebracht wird, ein neues KKW wäre nicht rechtzeitig verfügbar, da es mindestens 20 Jahre dauern würde, bis alle Hürden übersprungen sind (so dies überhaupt gelingt), dann müssten wir uns fragen, in was für einer überregulierten handlungsunfähigen Demokratie wir mittlerweile leben. Nicht zu vergessen sind dabei auch die massiv steigenden konfliktreichen Ansprüche an den Bundeshaushalt unter der rigiden Schuldenbremse, die den offiziellen Ausbauplänen der Energiewende zusetzen und die Handlungsfähigkeit der Politik einschränken.
Die meisten Leute glauben an die Wissenschaft, obwohl sie wenig bis nichts davon verstehen. Sie glauben aber eigentlich nicht an die Wissenschaft, sondern an deren Institutionen. So geniesst die Institution ETHZ in der Öffentlichkeit hohes Vertrauen, auch wenn sie sich von ihrer Rolle als der Wahrheit verpflichtete Einrichtung entfernt, wie dies in Energie- und Klimafragen der Fall ist. Hier gibt das gegen die Kernenergie eingestellte Energy Science Center gegen aussen den Ton an.
Wenn man sieht, in welch unzähligen Wiederholungen man den Stimmberechtigten die grössten Selbstverständlichkeiten ins Gedächtnis hämmern muss, bis eine Wirkung sichtbar wird, könnte man fast verzweifeln. Bundesrat Rösti sagte im oben erwähnten Interview, es sei schwierig, mit fluktuierender Energie das Stromnetz stabil zu halten. Es brauchte die kürzliche spanisch-portugiesische Blackout-Erfahrung, um diese Binsenwahrheit wieder einmal spürbar werden zu lassen. Ob das genügt, um dem höchstwichtigen Anliegen des Ausstiegs aus dem Atomausstieg mehr Schub zu verleihen, kann man nur hoffen. Es wäre zynisch, für den erwünschten Bewusstseinswandel auf ein ernsthaftes Blackout im eigenen Land zu setzen.






Kernenergie oder aus Sicht der Gegner, Atomenergie wird in deren Köpfen mit der Gefahr einer Atombombe assoziiert. Darum ist jedes noch so sichere Lager zu wenig sicher. Darum lagert man die nuklearen Abfälle, auch diese aus der Medizin, in einem Lagerschuppen. Würde das Endlager Problem auch politisch gelöst, fällt das Hauptargument der Gegner weg und man kann es nicht mehr bewirtschaften.
PV wird keine Konkurrenz für AKW sein. Bis die AKW stehen, sind die ersten PV schon verrottet. Den Rest wird man allmählich sterben lassen.
Und in der Geschäftsleitung des BFE hat es immer noch keinen Maschinen- oder Elektroingenieur. Da braucht man doch Einflüsterer aus PV- und Wind Experten!