Prognosen ohne Sinn für die Dynamik gesellschaftlicher Prozesse gehen gerne voll daneben
Die Sorge um das Überleben der menschlichen Gemeinschaft auf unserem Planeten folgt Zyklen von Auf und Ab, wird aber von aktivistischen Gruppen und Institutionen durchgehend bewirtschaftet. Gegenwärtig befinden wir uns, zumindest in der westlichen Welt, in einer Hochphase des Pessimismus. Warnungen vor der Übernutzung der natürlichen Ressourcen, vor Umweltzerstörung, Gefährdung der Biodiversität und vor kriegerischen Konflikten sind allgegenwärtig. Und trotz all den Warnungen geht es der Welt, gemessen an allen wichtigen Kriterien von Wohlstand und Lebensqualität besser als je zuvor, selbstverständlich mit Unterschieden zwischen Ländern und Regionen.1
Untergangsstimmungen sind nichts Neues, meint der bejahrte Blogger, alles schon einmal erlebt. Weitgehend dieselbe Diagnose, dieselben Argumente und die gleichen Rezepte wie in den gleichfalls von Pessimismus geprägten 1970er-Jahren. Kein Wunder – zwei Ölkrisen, ein Wachstumseinbruch mit hoher Arbeitslosigkeit und ausgeprägter Stagflation, zahlreiche Terroranschläge und Flugzeugentführungen, der Chemieunfall von Seveso, die Khomeini-Revolution im Iran und der Reaktorunfall von Three Mile Island, um nur einige Ereignisse dieses Krisenjahrzehnts zu nennen.
Carters Monsterbericht ‹Global 2000›
Inspiriert von der eingetrübten Stimmung, erschien im Jahr 1980 eine umfangreiche Bestandesaufnahme zum Zustand der Welt mit dem Titel ‹Global 2000›. Die Studie war schon 1977 vom amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter in Auftrag gegeben worden. Sie war breiter angelegt als die frühere berühmte Publikation des Club of Rome ‹Die Grenzen des Wachstums›. Doch atmete sie den gleichen Geist und warnte vor dem drohenden Untergang, wenn nicht eine politische Wende die Eigendynamik der kapitalistischen Wachstumsgesellschaft brechen würde. Der Bericht beschäftigte sich mit den Entwicklungen beim Bevölkerungswachstum, bei Ressourcen und Ernährung, beim Umwelt- und Artenschutz sowie bezüglich Klima. In kürzester Form lautete das Fazit: «Wenn sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen, wird die Welt im Jahr 2000 dichter besiedelt, stärker verschmutzt, ökologisch instabiler und anfälliger für Krisen sein als die Welt, in der wir heute leben.»
Auf Wikipedia steht zu ‹Global 2000›: «Da einige ihrer Vorhersagen nicht eingetreten sind, gilt sie inzwischen als überholt.» Ohne auf die einzelnen Voraussagen zu den untersuchten Problembereichen einzugehen, lässt sich folgern, dass solche Untergangsprognosen immer an derselben Schwäche leiden, nämlich an einem fehlenden Verständnis für dynamische gesellschaftliche, vor allem ökonomische Prozesse. Google Gemini erklärt zu ‹Global 2000›:
Die physikalischen und ökologischen Trends wurden erstaunlich präzise vorhergesagt, während die ökonomischen und ressourcenbezogenen Untergangsszenarien durch technologischen Fortschritt, Preismechanismen und Effizienzgewinne oft zu pessimistisch ausfielen. Der Bericht ging explizit davon aus, dass sich Politik, Technologie und menschliches Verhalten nicht grundlegend ändern... Einflussreiche Gegendarstellungen (wie das Buch The Resourceful Earth von Julian Simon und Herman Kahn, 1984) warfen den Autoren vor, dynamische Anpassungsfähigkeiten von Wirtschaft und Menschheit ignoriert zu haben. Der Report versagte als ökonomisches Orakel, behielt aber als ökologisches Frühwarnsystem in vielen Kernpunkten (Klimawandel, Artenverlust, Bodenerosion) recht. Die Studie löste weltweite Debatten aus und gilt neben den Berichten des Club of Rome (Die Grenzen des Wachstums) als einer der wichtigsten Meilensteine der globalen Umweltbewegung.
Wobei ‹global› einen eurozentrischen Anstrich hat. Nur in freiheitlich-demokratischen westlichen Ländern konnten Umweltbewegungen mit massgeblichem politischem Einfluss entstehen und aktiv in die gesellschaftliche Entwicklung eingreifen.
Lester R. Brown und das Worldwatch Institute
Ab dem Jahr 1984 verlängerte das Worldwatch Institute unter der Leitung seines Gründers Lester R. Brown mit seinem jährlichen Bericht ‹Zur Lage der Welt…› diese Linie alarmistischer Publikationen. Zwei Exemplare der damaligen Worldwatch-Berichte haben das Ausmisten meiner Fachbibliothek überstanden. Dies geschah, weil ich immer schon neugierig war, in welchem Ausmass sich all die ‹Futuristen-Autoren› in ihren Prognosen irren würden. Verfügbar sind in meiner Bibliothek noch drei alte Bestseller der optimistischen ‹Futuristen› Alvin Toffler und John Naisbitt. Vielleicht wäre es unterhaltsam, die Prophezeiungen der beiden Autoren mal mit der heutigen Wirklichkeit zu konfrontieren und daraus einen Blogbeitrag zu machen. Irgendeine KI hilft gerne dabei.
In den Berichten ‹Zur Lage der Welt…› des Worldwatch Institute beschrieben die Autoren aufgrund umfangreicher Daten drohende Trends hin zu Umweltzerstörung, Überbevölkerung, Hungersnöten und unkontrollierbaren Migrationsbewegungen. Voraussagen in diesen Berichten gingen selten über das Jahr 2000 hinaus. Seitdem ist bereits wieder ein Vierteljahrhundert vergangen, und die Welt hat überlebt.
Deutsche Zuspitzungen
Meine beiden Berichte des Worldwatch Institute (1987/88) und (1990/91) sind deutsche Übersetzungen. Interessant ist der Untergangstonfall des Vorworts zur deutschsprachigen Ausgabe. Man fühlt sich an die Zusammenfassungen der Berichte des Weltklimarats IPCC zuhanden der Politik erinnert. Die teils alarmistischen Darstellungen dort finden keinen Rückhalt in den ausführlichen Berichten der Klimaforschung. Ähnlich ist es in den Berichten des Worldwatch Institute. Im Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe von 1987/88 steht zum Beispiel Folgendes:
«Mit ‹Global 2000› ist allen, die es wissen wollen, deutlich geworden, dass wir unsere Erde systematisch zugrunde richten… Wer allerdings angenommen hatte, dass sich nach einer solchen Zustandsbeschreibung etwas ändern und die Politiker endlich wirksame Initiativen ergreifen würden, sah sich getäuscht… So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Zustand der Welt weiter verschlechtert hat… Tschernobyl und Bhopal sind Symbole für die Unmöglichkeit einer völligen Beherrschung technischer Grossanlagen durch den Menschen.»
Wendepunkt Tschernobyl
Die zeitliche Nähe zur AKW-Katastrophe vom April 1986 in Tschernobyl prägte auch den Bericht des Worldwatch Institute von 1987/88. Ein eigenes Kapitel ist der düsteren Zukunft der Atomenergie gewidmet. In einem Untertitel des Kapitels heisst es: «Der Traum vom Atom ist am Ende». Das klingt in deutscher Sprache besonders passend, denn Deutschland fährt fast ganz allein heute noch auf dieser Linie. Die Folgen des deutschen AKW-freien Traums sind bekannt.
Im Kapitel ‹Atomenergie› wird im Bericht des Worldwatch Institute über Dutzende Seiten akribisch über die grossräumige radioaktive Verseuchung, über die Strahlenschäden und die zu erwartenden riesigen Opferzahlen fabuliert, die längst widerlegt sind. Dann folgen lange Ausführungen über den ‹politischen Fallout›. Mit offensichtlichem Wohlwollen werden all die kernenergiefeindlichen Reaktionen auf ‹Tschernobyl› in Politik und Bevölkerung mit Übersichten über aussteigende Staaten beschrieben. Ein Satz blieb haften: «Wissenschafter schätzen, dass sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent ein weiterer schwerer Unfall in den kommenden 5,4 Jahren ereignet.» Es dauerte dann allerdings 25 Jahre bis zum Fukushima-Unfall, und es brauchte dazu ein Jahrhundert-Erdbeben mit einem gewaltigen Tsunami plus ein AKW, das erstens am falschen Ort gebaut und zweitens nicht nach üblichen Sicherheitsstandards nachgerüstet worden war.2
Im ganzen Kapitel von 36 Seiten stösst man fast am Ende auf sechseinhalb nichtssagend pauschale Zeilen über die Ursache des Reaktorunfalls:
«Obwohl der Unfall sich in einem Reaktor von spezifisch sowjetischer Bauart ereignete, war der Hauptgrund derselbe wie in Three Mile Island: menschliches Versagen. Menschen können Fehler begehen, die nicht voraussehbar sind. Damit lässt sich der ‹menschliche Faktor› niemals aus einem Sicherheitssystem ausschalten.»
Der neugierige Leser möchte nun gerne wissen, was die ‹spezifisch sowjetische Bauart› beim Reaktorunfall für eine Rolle gespielt, und welches menschliche Versagen den Unfall schliesslich konkret ausgelöst hat. Mit diesem Wissen liesse sich auch besser beurteilen, ob es für die ganze AKW-Ausstiegshysterie, die die westliche Welt damals befallen hat und die mit ‹Fukushima› noch einmal neuen Schub erhielt, einen stichhaltigen Grund gibt.
Das Worldwatch Institute stand mit seiner fundamental ablehnenden Haltung zur Kernenergie klar auf einer links-grünen Position. Seine damaligen Argumente gegen AKW – gefährlich, zu teuer, ungelöste Abfallfrage – werden bis heute von links-grünen Parteien und Anti-AKW-Aktivisten ohne Rücksicht auf verfügbare Fakten stur rezykliert.
Lineares Denken als Prognosefalle
Wenn die Autoren von Berichten wie ‹Global 2000› oder jenen des Worldwatch Institute ausdrücklich erklären, nur Trends aufgrund bekannter Technologien und sonstiger politischer und wirtschaftlicher Bedingungen zu beschreiben, mag das als realistische Haltung gesehen werden. Wer will sich schon mit Spekulationen über ‹unknown unknowns› die Finger verbrennen! Nur fehlt dann halt der entscheidende Einfluss auf Entwicklungen, nämlich die dynamische Anpassungsfähigkeit von Menschen und Gesellschaften. Der Einfluss langfristiger ökonomischer Prozesse und die Bedeutung des technologischen Fortschritts wird unterschätzt.
Aus den Berichten des Worldwatch Institute von damals lassen sich sehr gut radikale links-grüne Rezepte ableiten, die allerdings – wie wir inzwischen wissen – an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten scheitern. Im Bericht ‹Zur Lage der Welt 90/91› trifft man im letzten Kapitel (Entwurf für eine umweltverträgliche Gesellschaft) auf ein rabiates ‹Degrowth›-Programm. Dort steht: «Die Weltwirtschaft des Jahres 2030 bezieht ihre Energie nicht mehr aus Kohle, Erdöl oder Erdgas.» Wäre die Weltgemeinschaft den Aufrufen der Worldwatch-Berichte gefolgt, hätte sie sich auf einen Pfad der Weltverarmung begeben.
- Hans Rosling, der verstorbene schwedische Professor für internationale Gesundheit, kämpfte mit seinem Gapminder Institute gegen den ‹pessimistic bias› in den westlichen Gesellschaften. Sein bekanntestes Buch trägt den Titel ‹Factfulness›. ↩︎
- Dazu Google Gemini: «…insbesondere in der Schweiz wurden bei Anlagen dieses Typs ab den 1980er und 1990er Jahren wesentliche Sicherheitsnachrüstungen verpflichtend gemacht, die in Japan vor dem Unfall im März 2011 nicht oder nicht im selben Umfang umgesetzt wurden.» ↩︎


