Jeder Schritt auf einem falschen Weg ist ein Schritt zuviel
Vor einigen Tagen schrieb Professor Reto Knutti, der bekannteste Klimaforscher des Landes und auf vielen Kanälen präsent, meinem Freund Markus Schär, Historiker, Journalist und Autor, eine Mailnachricht, die folgenden Passus enthält: „…diese unzähligen Emails mit Ihnen und den Herren Rentsch, Saurer, Häring, Reichmuth, etc. haben uns noch nie auch nur einen Schritt weiter gebracht. Ihr primäres Ziel scheint mir, ist Fakten zum Klimawandel und dessen Dringlichkeit zu leugnen, und die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern in Frage zu stellen.“
Da mein Name in dieser Aufzählung erscheint, möchte ich mich dazu äussern. Ich spreche dabei nur für mich. Ich kenne Professor Knutti relativ gut, umgekehrt auch. Erstens sind Klimaforschung und Klimapolitik seit vielen Jahren eines meiner Hauptthemen. Zweitens war ich an mehreren Veranstaltungen, an denen Reto Knutti als Referent aufgetreten ist und unterhielt mich dort mit ihm. Drittens hat er mich vor Jahren freundlicherweise zu einem persönlichen Gespräch in die ETH-Professoren-Kantine zum Mittagessen eingeladen. Zudem gibt es viertens eine ziemlich umfangreiche, inzwischen aber eingeschlafene Mailkorrespondenz.
Warum Klimaaktivist?
Reto Knutti war im wissenschaftlichen Beirat der „Gletscher-Initiative“, deren Einfluss wir letztlich das illusionäre „netto null 2050“-Ziel im Klima- und Innovationsgesetz zu verdanken haben. Er organisierte auch eine Unterschriftensammlung unter Professoren für eine Petition zugunsten des Klimagesetzes (siehe hier). Er bestreitet zahlreiche öffentliche Auftritte – quasi Knutti auf allen Kanälen, so wie halt die Medien funktionieren. Man braucht eine prominente Stimme, sonst glauben es die Leute nicht.
Zu Knuttis Vorwurf, mein primäres Ziel scheine es zu sein, Fakten zum Klimawandel und dessen Dringlichkeit zu leugnen: Mit dieser Formulierung macht er bewusst die Assoziation zum „Klimaleugner“, eine Masche, die unter Klimaaktivisten gang und gäbe ist. Jede(r) kann auf meinen zahlreichen Blogartikeln auf volldaneben.ch in der Kategorie „Klima“ selber nachprüfen, ob sein Vorwurf zutrifft. Ich würde mich selbst als Klimapolitik-Skeptiker bezeichnen. Im Klimaskepsis-Schema unten, das ich vor der Klimakonferenz von Paris im Jahr 2015 kreiert habe, verorte ich mich in der vierten Spalte ganz rechts. Das Schema ist von links nach rechts zu lesen:

Zur Klimaforschung äussere ich mich nur aus einer polit-ökonomischen Perspektive, allgemeines Stichwort „rent-seeking“. Ich bin ja nicht Klimaforscher, also wäre es vermessen, mit Knutti über seine Klimamodelle zu debattieren. Ich halte aber die Klimaforschung wegen den beobachtbaren wirksamen Anreizen für latent politisiert. Auch lassen sich bestimmte politische Agenden „gegen das System“ gut damit verknüpfen. Zudem ist der universitäre Oberbau ganz generell ideologisch massiv Richtung links-grün verzerrt. Leider gibt es dazu nur Daten über die Situation in den USA (Abbildung unten). Aber ich bin nach langjähriger Beobachtung überzeugt, dass an unseren staatlichen Hochschulen ähnliche Verhältnisse herrschen.

In diesem Zusammenhang ist Folgendes ganz wichtig: In der Schweiz definieren sich links-grüne Parteien und NGO durch ihre fundamentale Ablehnung der Kernenergie, dies in sturer Missachtung dessen, was diesbezüglich weltweit geschieht. Diese Haltung scheint bis tief in unsere staatlichen Hochschulen durchzuschlagen.
Bill Gates neu wie Björn Lomborg
In Sachen Dringlichkeit des Klimawandels wähne ich mich inzwischen in guter Gesellschaft. Bill Gates hat sich jüngst mit seiner Absage an den Klimaalarmismus meiner Haltung angenähert, ohne meinen Blog volldaneben.ch konsultiert zu haben. Ganz alleine ist er zum Schluss gekommen, dass es neben der Erderwärmung noch andere dringende globale Probleme zu lösen gilt und dass wir unter Mittelknappheit immer zu Trade-offs gezwungen sind. Mit der Frage, wo ein bestimmter Mitteleinsatz in Bezug auf die wichtigsten Weltprobleme den grössten Nutzen bringt, beschäftigt sich der dänische Ökonom und Autor Björn Lomborg mit seinem Think Tank „Copenhagen Consensus“ seit Jahren. Zu Lomborg meinte Knutti im persönlichen Gespräch bloss, der sei sicher ein begnadeter Kommunikator, habe aber noch nie ein wissenschaftliches Paper veröffentlicht, das den peer-review-Prozess durchlaufen habe.
In Lomborgs „Copenhagen Consensus“ wirkten immerhin auch Nobelpreisträger mit, allerdings Ökonomen. Und die wissen am besten, was Konzepte wie Trade-offs, Opportunitätskosten, Gegenwartspräferenz und soziale Diskontrate gerade auch für die Klimapolitik bedeuten. Um die kosteneffektivsten Lösungen für die grössten globalen Probleme zu ermitteln und zu priorisieren, haben am „Copenhagen Consensus“ gemäss Auskunft von Google Gemini schon die Wirtschafts-Nobelpreisträger Robert Fogel, Douglass North, Thomas Schelling, Vernon L. Smith, Robert Mundell und Finn Kydland teilgenommen.
Was heisst „wir“?
Die Art und Weise, wie Knutti in seinen Referaten und Auftritten dem Publikum die Dringlichkeit des Handelns gegen den Klimawandel bildlich erlebbar zu machen pflegt, erinnert mich manchmal fast schon an Propagandatechniken von Greenpeace. Ich erinnere mich an sein Referat bei der Liechtensteinischen Bank LGT, wo er zum Auftakt bewegte Bilder von Wetterextremen wie Überschwemmungen, Waldbränden und Gletscherabbrüchen zeigte, im Rückblick scheint mir, sogar untermalt mit dramatischer Musik. Ebenso versucht er, sein schweizerisches Referatspublikum mit dramatischen Bildern von Schneemangel oder Gletscherrückzügen von der Dringlichkeit des Handelns zu überzeugen.
Das Problem dabei ist, dass unsere Gletscher nicht wegen uns Schweizern abschmelzen. Das „wir“ in Knuttis Forderung, wir müssten jetzt rasch und griffig handeln, kann sich nur auf die Weltbevölkerung beziehen. Die Forderung ist in Washington, Peking, Neu Dehli und bei all den„emerging nations“ zu deponieren, die wirtschaftlich zu uns aufholen wollen. Es braucht eine Abstufung der Verantwortung nach politischer Zuständigkeit, also erfordern die (illusionären) Ziele „1,5 Grad“ und „netto null 2050“ für die Schweiz eine andere Begründung als das Verschwinden der Alpengletscher. Diese liegt in der Selbstverpflichung mit völkerrechtlicher („Paris 2015“) und gesetzlicher („netto null 2050“) Bindung. Dann sind aber all die einheimischen Katastrophenbilder, die uns Klimaalarmisten vorführen, reine Propaganda, die auf Emotionen zielt.
Zu Knuttis Vorwurf, mein primäres Ziel scheine es zu sein, die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftlern in Frage zu stellen, sage ich: Manchmal gibt es gute Gründe, die Glaubwürdigkeit von Forschern in Frage zu stellen, zum Beispiel wenn sie eine konfuse Energie- und Klimapolitik unterstützen (siehe hier). Oder speziell dann, wenn sie sich zu Themen ausserhalb ihres Fachgebiets äussern. Vor Jahren war ich aufgrund eines angriffigen NZZ-Artikels auf ein Podium mit Professor Thomas Stocker, Knuttis Doktorvater und Förderer, eingeladen. Bei der Begrüssung warf mir Stocker vor, ich hätte mich für meinen NZZ-Artikel bei ihm noch nicht entschuldigt. In der Podiumsdiskussion schwärmte Stocker dann über die vielen Arbeitsplätze, die in den Branchen der erneuerbaren Energien (Solarpannels, Batterien etc.) entstehen würden. Darauf reagierte ich mit der Prophezeiung, dass wir all diese Produkte in drei Jahren bei den Chinesen zum halben Preis kaufen könnten. Genau so kam es auch, und heute sind unsere Anstrengungen zu einer „Energiewende“ ohne chinesische Technologie und Produkte völlig undenkbar.
Auf dem falschen Weg
Reto Knuttis Vorwurf, unsere Email-Korrespondenz habe uns noch nie auch nur einen Schritt weiter gebracht, beantworte ich so: Jeder Schritt weiter auf einem falschen Weg, ist ein Schritt zu viel. Es ist zwar aus Knuttis Formulierung nicht eindeutig herauszulesen, ob er die Klimaforschung oder die Klimapolitik meint. Ich nehme aber an, er beziehe sich auf die letztere. Der Weg, den wir mit der überstürzten Leuthard-Enegiewende mit Atomausstieg eingeschlagen haben, erweist sich nun auch in der Praxis als Irrweg. Was Bundesrat Albert Rösti vor wenigen Tagen dem Schweizer Volk in einem NZZ-Interview verkündete, sage ich im Verein mit vielen anderen, die mehr von der Sache verstehen als ich, seit mindestens zehn Jahren: „Es geht nicht ohne Kernkraft.“ Eine höchst kompetente warnende Stimme ist seit langem Eduard Kiener, der frühere Direktor des Bundesamtes für Energie.
Damit kommen wir zum wunden Punkt der Klima- und Energieforschung an der ETHZ. Statt die Leuthard-Energiewende mit Atomausstieg kritisch zu überprüfen und zu begleiten, sah die ETHZ ihre Rolle von Beginn weg als willige wissenschaftliche Steigbügelhalterin der Bundespolitik. Die ETHZ lieferte prompt die erwünschten Gutachten, die zum Schluss kamen, die Energiewende sei technisch machbar und wirtschaftlich verkraftbar, Versorgungssicherheit nur mit Erneuerbaren sei möglich. Allerdings brauchte es dazu abenteuerlich unrealistische Annahmen über das Ausbautempo der Erneuerbaren Solar, Wind und Wasser, über technologische Fortschritte, über Energieeinsparungen und über die Importmöglichkeiten von Strom, insbesondere im Winter (u.a. Forderung nach uneingeschränktem Zugang zum europäischen Strommarkt).
Der Ausstieg aus der Kernenergie wurde an der ETHZ kritiklos als politisch vorgegeben erklärt. Ein kleiner Zwischenfall illustriert dies. Ich zitiere aus einem früheren Blogartikel: An den jährlichen „Energy Days“ der ETHZ sah man als Besucher stets auf schönen grossen Abbildungen den Weg zur kernenergiefreien Zukunft im Jahr 2050. An einem dieser Anlässe gab es ein Referat von David Petti über eine Studie der MIT Energy Initiative mit dem Titel „The Future of Nuclear Energy in a Carbon-Constrained World“. Als ich die Panelisten in der anschliessenden Diskussion fragen wollte, wie sie eine (schweizerische) Energie- und Klimapolitik mit Atomausstieg einschätzen würden, fiel mir der Moderator Christian Schaffner, Direktor des organisierenden Energy Science Centers (ESC) in harschem Ton ins Wort, noch bevor ich die Frage fertig formulieren konnte: „Das wird hier nicht diskutiert, das ist politisch entschieden.“
Röstis späte Einsicht, es gehe nicht ohne Kernkraft, ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was uns opportunistische Klima- und Energieexperten der ETHZ in ihren Studien „vorgerechnet“ haben. Die besondere Mechanik des schweizerischen politischen Systems kommt in ihren Modellen nicht vor, was ihre Grundannahmen weitgehend disqualifiziert. „Technisch machbar und wirtschaftlich verkraftbar“, das reicht nicht. Eine rabiate Energiewende muss auch politisch durchführbar sein. Wer im schweizerischen Institutionengeflecht auf „express“ setzt, hat nicht gut aufgepasst. Und die Unterstützung der Menschen für eine einschneidende Klimapolitik hat wirtschaftliche Grenzen. Der US-amerikanische Umweltwissenschafter Roger Pielke jr. spricht vom „Iron Law of Climate Policy“, das lautet: Wenn eine auf Wirtschaftswachstum ausgerichtete Politik auf Strategien zur Emissionsreduzierung trifft, wird sich immer Wirtschaftswachstum durchsetzen. Degrowth propagiert höchstens eine gutbetuchte akademisch gebildete Elite. In der Schweiz kommen zu den wirtschaftlichen noch ökologische Grenzen dazu. Massive Eingriffe in sensible schweizerische Landschaften könnten kaiseraugst-ähnliche militante Widerstandsaktionen auslösen.


Die Energiestrategie 2050 beruhte auf den Berechnungen von Prof. Boulouchos, und der sagte klar, dass es mit Erneuerbaren plus Gas geht, die Kernkraft zu ersetzen. Da ist nichts falsch dran.
Bloss wurde dann das Gas auf einmal verschwiegen und es wurde noch die Elektrifizierung von Mobilität und Wärme daraufgepappt.
Der damalige Präsident der ETHZ Guzzella hat später ziemlich unverblümt klargemacht, dass er auf massiven Druck und Drohungen zu Mittelkürzungen seine Kritik am Energiegesetz nicht mehr äusserte.
Knutti hingegen versteht nicht viel von Wissenschaft – er hält Konsens für ein wissenschaftliches Ergebnis, und Simulationen als Quelle von neuen Erkenntnissen. Er ist aus politischen Gründen an der ETH angesiedelt. Für Absolventen solider Disziplinen ist er eine Peinlichkeit.
Du hast ja so recht, lieber Hans, Knutti ist auch für mich ein rotes Tuch. Aber wir als „old white men“ werden ja heutzutage kaum noch ernst genommen. Trotzdem: mach weiter so!
Herzliche Grüsse und frohe Festtage!
HansTschopp v/o Tasso
Knuttis Reaktion überrascht nicht. Sie entspricht seinem Persönlichkeitsprofil. Wenn Skepsis nicht passt, schlägt man mit ad hominem Verleumdungen zu und empört sich über die Frechheit, die Glaubwürdigkeit der unfehlbaren Wissenschaftler in Frage zu stellen. Eine Überheblichkeit, wie man sie eigentlich nur von Religionsführern kennt. Ich korrespondiere schon lange nicht mehr mit ihm. Ich streite mich nur noch mit Wissenschaftlern für welche Skepsis die Grundlage wissenschaftlichen Fortschritts ist.