Martin Killias liegt voll daneben!

Das Dübendorfer Boomquartier ‚Hochbord‘ ist dem obersten Heimatschützer ein Graus

Heute kommt wieder einmal etwas ganz anderes – nichts mit Energie, Klima, AHV oder Gesundheitskosten, sondern zur Abwechslung etwas Anekdotisches mit persönlicher Note.

Blick auf das Dübendorfer Quartier ‚Hochbord‚ auf meiner Velofahrt von Gockhausen ins Büro. Wo sonst auf der Welt gibt es eine solche Idylle in der Agglomeration einer Grossstadt? Zugegeben, wohl nur dank Direktzahlungen.

„Verdichtung schafft Probleme“
Der emeritierte Strafrechtsprofessor Martin Killias (77), mit dem ich ein wenig bekannt bin, ist der oberste Heimatschützer, Präsident des Schweizer und des Zürcher Heimatschutzes. Kernanliegen des Heimatschutzes ist die Pflege und die Erhaltung der Baukultur. Im November hielt Professor Killias an einer Tagung des ‚Vereins Zivilgesellschaft‘ ein Impulsreferat zum Thema der städtebaulichen Verdichtung. Sein Titel lautete: „Verdichtung schafft Probleme“. Ein Gegenreferat hätte heissen können: „Der Heimatschutz schafft Probleme“. Dem Heimatschutz wird bekanntlich immer wieder vorgeworfen, er be- bzw. verhindere mit seinen Einsprachen gegen die Zerstörung alter Bausubstanz zugunsten von Neubauten die immer wieder geforderte Verdichtung in Städten mit knappem Wohnraum.1

In jenem Referat sagte Killias an einer Stelle dasselbe wie im späteren Interview mit der NZZ:
Es gibt einen Grund, weshalb Stettbach oder Dübendorf keine Tourismus-Hotspots sind. Die Leute gehen nur dorthin, weil sie müssen. Die Menschen haben ein Grundbedürfnis nach Ästhetik“. Ich bezweifle, dass Tourismus-Hotspots ästhetisch immer gut abschneiden. Das Publikum liebt auch baulichen Kitsch oder historisches Disneyland – was es in herausgeputzten europäischen Altstädten zur Genüge gibt, zum Beispiel die Augustinergasse in Zürich.

Dübendorf …
… ist eine Stadt mit etwa 33’000 Einwohnern in der Agglomeration Zürich und im Einzugsgebiet des Flughafens Zürich-Kloten. Der wichtigste Standort der EMPA (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) befindet sich in Dübendorf. Gegenwärtig entsteht auf dem ehemaligen Militärflugplatz Dübendorf der Swiss Innovation Park Zurich mit den Themenschwerpunkten Robotik und Mobilität, Luft- und Raumfahrt und fortgeschrittene Produktionstechnologien. Das Dübendorfer Quartier, das Martin Killias ansprach, heisst ‚Hochbord‘ und liegt nordöstlich des Bahnhofs Stettbach, direkt an der Stadtgrenze zu Zürich (gelb umrandet):

Als ich das NZZ-Interview gelesen hatte, erinnerte ich mich an ein Bild genau dieses Quartiers ‚Hochbord‘, das ein Referent an der besagten Tagung gezeigt hatte. Ich war der festen Überzeugung, es war Professor Killias. Auf Anfrage verneinte er aber, in seinem Refererat ein solches Bild präsentiert zu haben. Wie dem auch sei – es ist sicher kein Zufall, dass er im NZZ-Interview wieder sein Standard-Schreckbild ‚Hochbord‘ nannte. Im Referat fragte er noch rhetorisch: „Wer will schon dort wohnen?“

Nun, Herr Killias, Hunderte neuer Bewohner zogen in den vergangenen rund drei Jahren, seit ich mein Büro dort habe, genau in dieses schreckliche Quartier – freiwillig, nicht weil sie müssen. Mit seinem als abschreckend gedachten Beispiel eines unwirtlichen Ortes liegt Professor Killias meines Erachtens voll daneben.

Ehrenrettung für das Hochbord-Quartier
Über dieses Boomquartier berichtete mir Google Gemini auf Anfrage prägnanter als ich es selbst hätte formulieren können: „Das Quartier Hochbord in Dübendorf hat sich in den letzten Jahren rasant von einem reinen Industrie- und Gewerbegebiet zu einem modernen, durchmischten Stadtquartier entwickelt. Das Angebot direkt vor der Haustür der „Three Point“-Türme ist mittlerweile sehr vielseitig. ‚Hochbord‘ ist so kompakt, dass Sie von den Three-Point-Türmen aus alle genannten Orte in maximal 5–8 Minuten zu Fuss erreichen. Das Angebot ist stark auf einen urbanen Lebensstil (Sport, schnelles Einkaufen, moderne Gastronomie) ausgerichtet. Im Quartier hat sich eine vielfältige Gastronomieszene etabliert, die über die klassischen Imbissangebote hinausgeht.

Zugegeben, nicht alles, was in ‚Hochbord‘ gebaut wurde, erfüllt hohe ästhetische Ansprüche. Doch die sichtbarsten Wahrzeichen des Quartiers, der ovale Jabee-Tower, der an einen Lippenstift erinnert, und die drei Three Point-Türme, lassen doch einen Gestaltungswillen erkennen, der über das übliche 0815-Mass hinausgeht. Des weiteren bietet das Quartier nord-östlich des geschäftigen Bahnhofs Stettbach inzwischen eine derart grosse Fülle von Arbeits-, Einkaufs-, Wohn-, und Freizeitangeboten, dass ein autofreies Dasein ohne Einschränkungen möglich ist.

Wer irgendwo in der umliegenden Region arbeitet, für die oder den ist die Verkehrserschliessung auf Strasse und Schiene in alle Richtungen schlicht Spitze. Wer einmal schnell nach Zürich will, ist vom Bahnhof Stettbach in fünf Minuten mitten in der Stadt. Tagsüber fahren stündlich 8 S-Bahn-Züge, dazu gibt es noch alle sieben bis acht Minuten ein Tram für die weniger Eiligen. Die Glatttalbahn bringt Reisende vom Bahnhof Stettbach in 24 Minuten direkt zum Flughafen. Dieser Bahnhof ist auch ein Busbahnhof. In hoher Frequenz fahren regionale Busse in alle Richtungen. Und in zwei Minuten ist man vom Quartier ‚Hochbord‘ auf der Autobahn.

Eine kleine Fotogalerie…
…spontan meist nachts geknipst, kann längst nicht alles zeigen, was es im Quartier an Geschäften, Verpflegungsmöglichkeiten und Freizeitangeboten gibt.

Die über 100 Meter hohen Wohntürme ‚Three Point‘ mit 445 Wohneinheiten enthalten Stockwerkeigentum, Mietwohnungen und Business Appartments.
Die untersten beiden Stockwerke in zwei Three Point-Türmen sind Primarschulhäuser. Das Einhorn ist das Wappentier von Dübendorf, wie über „Schulhaus D“ gezeigt.
Um 12 Uhr ist die Schule aus. Um 10 Uhr höre ich in meinem benachbarten Büro den Pausenlärm der spielenden Kinder – ein belebendes Element im Quartier.
Geschäftsfront am Platz beim Bahnhof Stettbach
Bäckerei-Konditorei und Café Hotz
COOP pronto beim Bahnhof Stettbach, Öffnungszeit 6 bis 23 Uhr
Stündlich fahren sechs bis acht S-Züge nach und von Zürich Stadelhofen oder Hauptbahnhof. Im Hintergrund die Luxus-Genossenschaftssiedlung Mattenhof auf Zürcher Stadtgebiet.
Die Tramlinie 7 führt vom Bahnhof Stettbach durchs Zürcher Stadtzentrum nach Wollishofen, teils als eine Art U-Bahn.
‚Hochbord‘ ist ein wichtiger Standort für HUAWEI mit etwa 230 Arbeitsplätzen.
Im gleichen Gebäude hat die Krankenversicherung Helsana ihren Hauptsitz. Auch die Helvetia Versicherungen haben dort Büros.
Weihnächtliche Stimmung beim Eingang zum Bürokomplex von Helsana und HUAWEI
Indoor-Golftraining als jüngste Ergänzung des sportlichen Freizeitangebots

Für die Versorgung der im Quartier ‚Hochbord‘ wohnenden und arbeitenden Menschen gibt es fast alles für den Alltag und darüber hinaus. Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

In nächster Nachbarschaft zum Quartier gibt es zudem zwei Tankstellen mit Shops und Autowaschanlage, eine Autogarage, das Sorell Hotel Sonnental, die Kulturevent-Halle ‚The Hall‘ mit bis zu 5000 Plätzen, eine Karosseriewerkstätte und ein Tierkrematorium. Mitten im Quartier verblieb als Überbleibsel aus alten Zeiten eine landwirtschaftlich genutzte Fläche der Beerstecher AG, einem Grossbetrieb des Obst- und Gemüsebaus.
Nachtrag: Es gibt eine zweite Apotheke im Quartier, nämlich Smartpharm mit Postbüro im Laden.

Empfehlung
Vielleicht sollte sich unser oberster Heimatschützer im Quartier ‚Hochbord‘ genauer umschauen, bevor er in der wichtigsten Tageszeitung des Landes Pauschalurteile verkündet. Auch dieses „schreckliche“ Aggloquartier hat seine Geschichte, und diese wird mit der kreativen Umnutzung, die seit ein paar Jahren in Gang ist, gerade fortgeschrieben. Weil es für heimatschützerische Einsprachen keine Objekte gibt, fällt schon mal eines der Hindernisse des eidgenössischen Baubehinderungsuniversums weg – nicht unbedingt zum Nachteil des Quartiers.

  1. Zwei frühere aussichtslose Einsprachen des Schweizer Heimatschutzes, mit denen dieser vor allen Gerichtsinstanzen unterlag, werden im von mir verfassten Buch „Umweltschutz auf Abwegen“ geschildert. Das Buch erschien Ende 2003 bei Orell Füssli. Im Auftrag von Avenir Suisse kommentierte ich dort anhand von neun Fallgeschichten, mit welchen Folgen für private Bauherren beschwerdeberechtigte Umweltverbände das Verbandsbeschwerderecht handhaben – zumindest damals gelegentlich an der Grenze zum Missbrauch. ↩︎

5 thoughts on “Martin Killias liegt voll daneben!”
  1. Dübendorf war der Standort, den der ehemalige Ständerat Ruedi Noser als Erweiterung des hoffnungslos übernutzten Zürcher Universitäts- und Spitalviertels auf dem aufgelassenen riesigen bundeseigenen Flugplatzareal vorgeschlagen hat. Herr Baudiektor Markus Kägi hat das uns (ARZ, Arbeitsgruppe Raumplanung Zürich) gegenüber als nicht wünschbar abgelehnt. Schade, das hätte wahrscheinlich Dübendorf die Schelte von Herrn Prof. Kilian erspart . Und der Stadt Zürich viel Planungsdummheit und unnötige Kosten, unter anderem die unselige Erhaltung des geschützten alten Kantonsspitals, das Max Frisch als „Laubsageliarbeit“ bezeichnet hat. War damals schon die Animosität gegen Dübendorf wirksam? Das 2013 vom Volk mit grosser Mehrheit angenommen Raumplanugsgesetz (RPG) und seine Revisionen u.a. von 1979 und 2023 enthalten keine brauchbare Bestimmungen bezüglich erhaltbarer Substanz. Daher beeilte sich der Bundesrat (BAK) 1981 in einer Verordnung schweizweit die schützenwerten Substanzen aufzunehmen, nämlich das ISOS (Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz), eine jahrelange Monsteraufgabe für das damit betraute kleine Büro. Das ISOS ist nur für Bndesbauten verbindlich und muss von den Kantonen in ihr Planungsgesetz aufgenommen werden, der Kanton Schwyz z.B. hat sich trotz Invention dagegen gewehrt. Wo es nicht angenommen wurde, ist es nur „weisend“ (von wem und für wen??) und nicht bestimmend. So herrscht in der Schweiz eine grosse Unsicherheit, über das was und wie geschützt werden soll. Vereine betreuen nun diese wichtige nationale Aufgabe. Oft nach emotionalen Grundsätzen, die nicht immer ganz nachvollziehbar sind und zu jahrelangen juristischen Auseinandersetzung geführt haben, die mir gegenüber ein Nationalrat kürzlich als „Eulenspiegeleien“ bezeichnet hat. Aber das hat ja Max Frisch schon beim sakrosankten Gebäude der Architekten Haefeli-Moser-Steiger des Kantonsspitals an der Rämistrasse bemerkt. Eine Diskussion über Werte, die der Bund bis heute bedauernswerter Weise leider „schlittlen“ lässt.

    Norbert C. Novotny
    em. Dozent Raumplanung ETH/EPFL
    em. Dienstchef Kulturgüterschutz Stadt Zürich

  2. Lieber Hans
    Danke für diese Ehrenrettung des Hochbord Quartiers. Ich fahre dort jeweils mit dem Bike auf dem Weg nach Wallisellen durch. Dabei denke ich oft, wie cool es ist, dass man vom idyllischen Wald in ein paar Minuten durch ein so urbanes, lebendiges Quartier fahren und dabei erst noch einen kurzen Trail in der Allmend Stettbach mitnehmen kann.
    Dank Dir habe ich jetzt auch noch viel über das Quartier gelernt.

  3. Ich gebe dir weitestgehend Recht. Die Augustinergasse oder auch die Hauptgasse in Thun und viele andere solche scheinbar kitschig schöne Stadtquartiere sind allerdings hervorragende Beispiele des „Weiterbauens“, wie es kürzlich am Architekturforum Thun mein Architekt-Bruder Johann Saurer ausführte. Das Hochbord scheint sich ja in ähnlicher Weise quasi organisch weiterzuentwickeln – die Verdichtung entsteht nicht auf einem Reissbrett eines Quartiers, sondern sozusagen bottom-up, weil man eben automatisch sparsam ist und an- und weiterbaut. Hier können die Heimatschützer sehr viel Schaden anrichten – und tun dies auch, wenn sie das Alte alt erhalten wollen und Erneuerungen nicht oder zu zögerlich zulassen.
    Ganz schlecht war lange Zeit die Agglomerationsbauweise, bei der jedes Objekt von einem möglichst grossen Freiraum umgeben war.
    https://johannessaurer.ch/

  4. Mit Interesse gelesen – Deine Replik mit Fotos verleitet sicher die eine oder den anderen zum Umzug nach Hochbord. Woher kommt dieser Name?

    1. Ich erlaube mir den Rückgriff auf Google Gemini:
      Der Name Hochbord leitet sich von einer alten Flurbezeichnung ab. Er beschreibt die topografische Lage des Gebiets im Verhältnis zur Umgebung, insbesondere zum Flusslauf der Glatt. Jahrhundertelang war das Hochbord reines Kulturland. Der Name diente den Bauern zur Orientierung und Abgrenzung ihrer Grundstücke. Mit der Industrialisierung und der Nähe zur Bahnlinie Zürich-Winterthur wandelte sich das Gebiet zu einer Gewerbe- und Industriezone. Heute ist das Hochbord eines der dynamischsten Entwicklungsgebiete der Schweiz. Mit dem Bau des Bahnhofs Stettbach (1990) und modernen Hochhäusern wie dem Jabee Tower oder den Three Point Towers hat sich der Charakter komplett von einer „hohen Böschung“ zu einem urbanen Stadtquartier gewandelt.

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