Mozart spielen – darf sie das?

Die Pianistin Claire Huangci ist US-Amerikanerin, aber biologisch eine Chinesin. Sie hat chinesische Eltern. Darf eine biologische Chinesin Mozart, Inbegriff europäischer klassischer Musik spielen? Ist das politisch korrekt oder haben wir es hier mit dem Vergehen der „cultural appropriation“ zu tun, also mit einer Art Diebstahl eines europäischen Kulturgutes durch eine Asiatin?

Dumme Fragen, ist wohl die spontane Reaktion. Aber das Interessante an diesen Fragen ist zunächst mal die Tatsache, dass „cultural appropriation“ nur dann als moralisch verwerflich gilt, wenn europäisch-stämmige „weisse Suprematisten“ sich Kulturgüter von historisch diskriminierten Ethnien aneignen. Pikant ist auch die Tatsache, dass „cultural appropriation“ ein Vorwurf ist, den sich progressive europäisch-stämmige Weisse, vor allem die US-amerikanische Critical-Whiteness-Bewegung, aus einer Art historischem Schuldgefühl selber machen.

In der umgekehrten Richtung stört sich niemand an der Aneignung fremder Kultur, ganz im Gegenteil. Wir Europäer sind stolz darauf, dass unsere klassiche Musik auf allen Kontinenten dieser Welt von Angehörigen unterschiedlichster Ethnien gespielt wird – die einzige wahre Weltmusik. Und wie auf vielen Gebieten sind auch dabei asiatische weibliche und männliche Repräsentanten herausragend. Die asiatischen Musiker stört es überhaupt nicht, sich mit der hingebungsvollen Interpretation klassischer europäischer Musik dem Vorwurf auszusetzen, sie förderten damit die „white supremacy“.

Mein allgemeines Fazit lautet: In asiatischen Ländern misst man sich leistungsmässig an der westlich-europäischen Zivilisation. Sie dient als Massstab und Herausforderung, mehr zu leisten, um diese zu übertreffen. Deshalb gibt es in Asien keine „white supremacy“-Debatte. Man traut sich zu, die „white supremacy“ zu brechen. Auf diesem Weg sind einige asiatische Länder schon recht weit fortgeschritten.

4 Gedanken zu „Mozart spielen – darf sie das?

  1. Interessanter Post. Für klassische Musik (von barocker bis zeitgenössicher Musik) solltest du aber auch unbedingt Yuja Wang (biologisch und institutionell Chinesin) und für Jazz Hiromi Uehara (Japanerin) hören … ähm.. und sehen.

  2. Klar Markus. Wir wollen gar nicht erst anfangen aufzuzählen, was für hervorragende asiatische Interpreten – und natürlich fast noch mehr Interpretinnen – europäische klassische Musik auf höchstem Niveau spielen. Hiromi habe ich letzten Oktober in Zürich gehört. Auch die koreanische Cellistin und Dirigentin Han Na Chang ist zu nennen. Zum Beispiel hier ein Muster: https://www.youtube.com/watch?v=-aoUxKfHS9I

    • Prima… ich gehe wahrscheinlich am 15. März an Martin Schlumpfs Jubiläumskonzert in Baden… wär‘ doch was auch für dich…. Gruss, M.

      • Ich war meines Wissens seit etwa 2 Jahren an allen Schlumpf-Konzerten in Baden. Ich werde am 15. März sicher auch da sein. Gruss, H.

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