Eine alltägliche Konfrontation mit dem Digitalisierungsrückstand im schweizerischen Gesundheitswesen
Vor der jährlichen kardiologischen Kontrolle an der Zürcher Hirslanden-Klinik im Park erhielt ich mit der Terminbestätigung im Anhang zur Mail-Nachricht vier Formulare zum Ausfüllen und zum Unterzeichnen. Seit Jahren bin ich Patient am Herzzentrum der Hirslanden-Klinik. Alle meine Daten und Unterschriften hatte ich bereits zuvor immer wieder auf Formularen angeben und bestätigen müssen. Alles ist irgendwo abgespeichert oder auf Papier archiviert.
Der ganze Leerlauf der eidgenössischen Gesundheitsbürokratie zeigt sich im Vergleich mit dem Prozess eines funktionierenden elektronischen Patientendossiers mit vom Patienten generell autorisierten Zugriffsrechten. Um diese Diskrepanz spürbar zu machen, lohnt es sich, den Aufwand mit den vier Formularen detailliert zu beschreiben. Die nachfolgende Schilderung ist keine Kritik an der Hirslanden-Klinik. Sie folgt offenbar grundsätzlich einfach den geltenden Regularien. Möglicherweise noch mit einem kleinen Hirslanden-Finish, aber das kann ich nicht zuverlässig beurteilen.
Das Personalien-Formular
Dieses kann am Laptop ausgefüllt werden, muss aber dann ausgedruckt und unterzeichnet werden. Dann sollte es auch noch entweder am Computer eingescannt und per e-Mail an die Klinik zurückgeschickt werden. Oder man steckt das Originalblatt in einen Briefumschlag und sendet das Formular, zusammen mit den anderen ausgefüllten Blättern, physisch per Post zurück.
Formular Persönliche Angaben
Hier erleben wir den völlig überzogenen Aufwand für den Datenschutz in seiner ganzen Blüte. Man hat den Eindruck, hier habe sich ein gesellschaftliches Anliegen selbständig gemacht und die Anforderungen auf ein absurdes Niveau hochgeschraubt. Dass solche ausführlichen Beschreibungen der Thematik überhaupt nötig sind, ist wiederum dem Fehlen eines digitalisierten Gesundheitswesens zu verdanken. Mangels Verständnis in der breiten Patientenschaft müssen alle auch nur vorstellbaren Eventualitäten und Befürchtungen immer wieder von neuem wortreich entschärft werden.
Dieses Formular muss wieder ausgedruckt und dann mit Unterschrift wiederum eingescannt via e-Mail an die Klinik zurückgeschickt werden. Der aufwendige Postweg wie oben beschrieben ist als Alternative natürlich auch verfügbar, vielleicht in Kombination mit dem Wocheneinkauf im Supermarkt oder auf dem Weg ins Büro.
Die Medikamentenliste
Alles schon x-mal bei Spital- und Arztterminen angegeben, selbstverständlich auch in der Hirslanden-Klinik, wo ich nicht nur als Herzpatient betreut werde.
Dieses Formular lässt sich im vorgegebenen PDF-Format nicht am Computer, sondern nur manuell ausfüllen. Es folgt das bereits oben beschriebene Prozedere mit den beiden Rücksendungsvarianten per e-Mail oder mit der Post.
Verwendung der Gesundheitsdaten für die Forschung
Der Beschwichtigungsaufwand für all die möglichen Bedenkenträger zeigt sich in der Ausführlichkeit der Erläuterungen auf diesem Formular.
Wer begibt sich überhaupt vor der Beantwortung und Unterschrift in diese Buchstabenwüste? In einem elektronischen Patientendossier hinterlegt der Patient eine generelle Zustimmung oder Ablehnung. Bei uns – im angeblich innovativsten Land der Welt – druckt der Patient das Formular aus, gibt seine Präferenz an und unterschreibt. Danach kommt wiederum das Einscannen und digitale Zurücksenden oder der Gang zum Briefkasten oder zur Post.
Ineffizienter Gesundheitsföderalismus
Nach zehn Jahren Herumbasteln an einem föderalistisch fragmentierten elektronischen Patientendossier meldeten die Medien jüngst den Tod dieser weiteren IT-Leiche im staatlichen Zuständigkeitsbereich. Auch dieser Flop fällt in die Ära Berset. Jetzt will der Bundesrat einen Neuanfang machen. Auf Antrag von Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider verabschiedete der Bundesrat vor einiger Zeit die Botschaft für ein elektronisches Gesundheitsdossier (E-GD).
Man scheint aber bereits vor dem eigentlichen Start mögliche Datenschutzbedenken derart hoch zu gewichten, dass schon ein Verzicht auf ein Obligatorium diskutiert wurde. Namhafte Gesundheitsexperten haben dies bereits heftig kritisiert, weil der Nutzen eines solchen digitalen Instruments mit dem Grad der Beteiligung steigt. „Experten warnen vor einem weiteren Millionengrab“, schrieb die NZZ.
Typisch eidgenössisch ist nicht nur die geradezu obsessive Sorge um den Datenschutz, sondern auch der Zeitplan für die Realisierung des Projekts. Da irgendwie parallel eine digitale standardisierte Gesundheits-Datenplattform namens ‚Digisanté‘ entwickelt werden soll, dies fast zwingend mit Interdependenzen mit dem E-GD, geht der aktuelle Zeitplan davon aus, dass vor 2034 kaum mit einem Einsatz des E-GD zu rechnen ist.
Institutionelles Fazit
Statt ständig die immer gleichen rituellen Lobgesänge auf den Föderalismus anzustimmen, sollten wir uns im Wandel der Zeit vermehrt unbefangen mit der Frage beschäftigen, für welche Aufgaben eine föderalistische Zuständigkeit logisch gegeben und effizient ist und wo eine zentrale Bundeskompezenz die Lage verbessern könnte – und dies nicht nur im Gesundheitswesen. Und die ‚höchste Priorität‘, die der Datenschutz nach Aussage von Baume-Schneider beim E-GD geniessen soll, jedoch die Wirksamkeit des E-GD zu gefährden droht, verdanken wir der ständigen Angst vor einem Scheitern in einer Volksabstimmung.






Vielleicht geht es manchmal ja auch einfach nur darum, überzähliges Büropersonal zu beschäftigen. Denn die Erfahrung zeigt, dass in Bereichen, wo Wirtschaftlichkeit eine untergeordnete Rolle spiel, diesbezüglich ein ziemlicher Ideenreichtum vorhanden ist.
Ein lesenswerter Beitrag, zugleich eine tragische Geschichte! Man darf gespannt sein, wie das Ganze letztlich noch ausgeht.
Hans Reis
Bürokratie existiert, weil die Menschen anderen misstrauen, da sie sich selbst kennen und wissen, dass sie zu allen Laster fähig sind.
Dieses allgemeine Misstrauen ist wie Entropie: Es kann nur zunehmen.
Andererseits zwingt die Verrechtlichung aller Fehler dazu, kein Risiko einzugehen, sich zu irren. Zum Beispiel, wegen eines geringfügigen Fehlers den Arbeitsplatz zu verlieren. Man muss sich daher in ein System der „checks without balance“ flüchten.
Jeder kennt das, aber niemand weiss, wie man etwas daran ändern könnte, und niemand wagt es, etwas zu unternehmen.
Nur in echten Krisen tritt die Bürokratie in den Hintergrund … um eine halbe Sekunde, nachdem die Normalität wiederhergestellt ist, wieder aufzutauchen.