Plädoyer für eine Bundes-Erbschaftssteuer

Mein fast 30 Jahre alter Artikelentwurf, den die NZZ nicht publizieren wollte

(Bildquelle: JUSO-Webseite)

Den nachfolgenden Text aus dem Jahr 1997 publiziere ich aus aktuellem Anlass. Der Bezug zur Aktualität ist offensichtlich. Nicht alles, was ich damals schrieb, würde ich heute noch so formulieren. Aber mit der Grundtendenz der Argumentation kann ich immer noch gut leben: Punktuelle Steuerreformen sind meistens schlecht, sie sollten in eine Gesamtsicht des Steuersystems eingebettet sein. Einige Stellen klingen schon fast prophetisch. Die NZZ lehnte die Veröffentlichung als Gastkommentar ab. An die Begründung kann ich mich nicht erinnern. Wer meint, dies sei ein Plädoyer für die JUSO-Initiative, möge den Text sorgfältig lesen.

Zur Forderung „EAT THE RICH“ aus heutiger Sicht
Vom Lausanner Ökonomen Marius Brüllhart habe ich einmal gehört oder gelesen, die Einkommensbesteuerung in der Schweiz sei ab einer gewissen Einkommenshöhe degressiv. Reiche Steuerzahler, die in Niedrigsteuerkantonen wohnen, geniessen eine tiefere prozentuale Steuerbelastung als mittlere Einkommensschichten in den meisten anderen Kantonen. Die Erklärung dafür liegt in der Wanderungsmobilität von wohlhabenden Peronen oder Haushalten. Wenn diese in Niederigsteuerkantone ziehen, sinkt ihre Einkommenssteuerbelastung. Sind „die Reichen“ dort überproportional vertreten, kann eine Eigendynamik mit weiteren Zuzügen wohlhabender Steuerzahler in Gang kommen, eine Entwicklung, die man seit einiger Zeit im Kanton Zug beobachten kann. Der Zuger Finanzdirektor weiss nach eigener Aussage nicht mehr, was er mit all den Überschüssen im kantonalen Finanzhaushalt anfangen soll. Die politischen Sensibilitäten für solche Entwicklungen sollten in unserer direkten Demokratie nicht unterschätzt werden.

5 thoughts on “Plädoyer für eine Bundes-Erbschaftssteuer”
  1. Hoch interessanter Artikel. Aber was ist mit dem Argument, dass das vererbte Vermögen bereits als Einkommen und anschliessend als Vermögen besteuert wurde? Zudem wäre es meiner Ansicht nach klüger, die Bevölkerung zu informieren, anstatt vor deren Ignoranz zu kapitulieren, daher man müsste aufzeigen, dass erstens die Ungleichheit seit Jahrzehnten in der Schweiz stabil ist, dass sich zweitens die Zugehörigkeit zur Oberschicht über die Generationen abnützt, dass drittens viel Vermögen in Firmen gebunden ist, dass viertens etc
    Aber wie gesagt, hoch interessante Denkanstösse!

    1. Alle Ihre Punkte finde ich in Ordnung. Ich hatte ja geschrieben, dass ich heute nicht mehr alles gleich formulieren würde wie damals. Heute dreht sich die ökonomische Diskussion noch mehr um die Anreizwirkungen auf die Beteiligten. Wenn man alle Mehrfachbesteuerungen abschaffen wollte (wofür ich bin), dann gäbe es viel zu tun. Dann würden wir bei einer sparbereinigten Einkommenssteuer landen, also bei einer Konsumsteuer, von der Effizienz und den Anreizwirkungen her gesehen wohl das optimale Steuersystem.

  2. Ich gratuliere. Die Argumentation ist auch aus heutiger Sicht noch sehr überzeugend. Vielleicht hätte NZZ jetzt die Grösse, diesen Artikel zu publizieren. Nur die extreme Initiative der Jungsozialisten zu bekämpfen, reicht nicht aus und ist kurzsichtig.

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