Unvermietete Liegestühle im Strandbad Niederuster am Greifensee (Kanton Zürich)
Auf meinem Blog muss es nicht immer um Weltbewegendes gehen. Auch aus alltäglichen Ereignissen (zum Beispiel selbst verursachten Velostürzen) lassen sich oft anregende Einsichten gewinnen. Interessant sind sie dann, wenn sie sich für eine Ausweitung auf allgemeine Einsichten eignen. Natürlich fallen solche Ereignisse nicht unbedingt jedem und jeder auf. Wer einer ökonomischer Bildung (oder Verbildung?) ausgesetzt war, sieht auch Alltägliches gerne aus einer speziellen Perspektive.
Versiegte Nachfrage
Am Sonntag, dem 20. Juli, fielen mir im Strandbad Niederuster bei Ankunft um die Mittagszeit die vielen nicht vermieteten Liegestühle auf. Sie fielen mir vor allem deshalb auf, weil bis im letzten Jahr an schönen Wochenenden alle Liegestühle jeweils wenige Minuten nach Öffnung des Strandbades weg waren. An solchen Tagen standen stets viele Leute schon mehrere Minuten vor der Öffnung des Strandbads an, um sich möglichst einen Liegestuhl zu sichern. Und der 20. Juli war ein schöner Tag, und dennoch lagen praktisch alle Liegen noch unbenutzt aufgestapelt. Was war also geschehen?
Der Blogger-Badegast warf dann einen näheren Blick auf die gestapelten Liegen mit dem Werbeposter der Bank dazwischen. Ganz klein entdeckte er unten rechts einen Klebstreifen mit dem Hinweis, die Miete einer Liege koste fünf Franken pro Tag. Zudem müsse man an der Kasse einen Ausweis abgeben. Nun war sofort klar, was geschehen war. Bis im vergangenen Jahr konnte man die Liegestühle gratis benützen. Mit einem Zweifränkler liess sich das kleine Kettenschloss öffnen. Bei Rückgabe des Liegestuhls gab das Schloss das Geldstück wieder frei.
Kein Einzelfall
Das Badipublikum reagierte also radikal auf den Wechsel von gratis auf fünf Franken Tagesmiete. Man sah am letzten Sonntag mehr tragbare Liegestühle als früher, die die Leute von zuhause mitbrachten. Man kennt solche Reaktionen bei geringsten Preisen oder Preisaufschlägen auch von anderen Fällen. Ein eindrückliches Beispiel lieferte vor einigen Jahren die Einführung einer Gebühr von fünf Rappen (!) für die kleinen Einweg-Plasticsäcke im Detailhandel. Der Verbrauch soll um 80 Prozent zurückgegangen sein. Man spricht in solchen Fällen von einer hohen Preiselastizität der Nachfrage. Die Kundschaft reagiert sehr empfindlich auf Preisveränderungen. Die Reduktion des Verbrauchs an Plastisäcken war aber gerade das Ziel der Fünfrappen-Gebühr, ganz im Gegensatz zur Einführung der Liegestuhlmiete im Strandbad.
Ich vermute angesichts dieser beiden Beispiele von radikalen Nachfragerückgängen, dass viele Leute die Einführung eines selbst geringen Preises, nachdem etwas immer gratis war, als weniger gerechtfertigt empfinden als eine kleine Preiserhöhung von einem bereits bestehenden Preis. Man könnte diese Erkenntnis auf Online-Verkaufsplattformen anwenden. Wenn man Gegenstände loswerden will, die man nicht mehr braucht und die nur unnötig Platz wegnehmen, weckt ein Angebot „gratis abzuholen“ viel mehr Interesse als jeder noch so geringe Preis.
Steuerung der Nachfrage über den Preis
Der Zustand eines „Mieterstreiks“, wie oben abgebildet, entsprach sicher nicht den Erwartungen der Strandbadbetreiber, da offenbar selbst an schönen Tagen fast alle Liegestühle unvermietet bleiben. Der optimale Preis für eine durchschnittliche Markträumung des Angebots an Liegestühlen liegt offenbar irgendwo zwischen gratis und fünf Franken, vermutlich näher bei null. Gratis wie früher war nicht optimal, da abgesehen von Werbung keine Einnahmen generiert wurden. Zudem gab es jeweils an schönen Tagen bei Öffnung des Strandbads einen regelrechten Run auf die Liegen. Nach kurzer Zeit war zum Preis null der Markt geräumt und alle, die später kamen, schauten in die Röhre. Oder sie mussten aufmerksam beobachten, ob irgend jemand eine der umkämpften Gratis-Liegen zurückbrachte.
Nicht zu vergessen ist auch, dass die Liegestühle voll von Werbung sind und wahrscheinlich gespendet wurden. Das macht einen Preis von fünf Franken noch ein wenig unattraktiver. Als mikroökonomischer Berater der Badibetreiber würde ich auf die nächste Badesaison hin einen Preis von zwei Franken vorschlagen und dann schauen, was geschieht. Der optimale Miettarif ist eine Sache von „trial and error“, sofern Gewinnmaximierung das einzige Kriterium ist. Es scheint, dass dem nicht so ist. Nach Auskunft des Badmeisters brachten die Leute früher nicht immer alle Liegestühle zurück zum Stapel und verzichteten so auf die Rückgabe des Zweifränklers. Deshalb muss man jetzt an der Kasse einen Ausweis abgeben. Ich vermute allerdings, dass es früher auch Leute gab, die sich nicht bewusst waren, dass die zwei Franken zurückerstattet werden und deshalb fanden, man könne die Liegen einfach nach Gebrauch stehen lassen.
Unpopuläre Knappheitspreise
Preiserhöhungen sind einfach prinzipiell unpopulär, auch wenn sie sich mit einer positiven Lenkungsfunktion zur Steuerung der Nachfrage begründen lassen. Das sieht man an den immer wieder aufflammenden Konflikten um Tarife im öffentlichen Verkehr. Eigentlich müssten die SBB angesichts der überfüllten Züge auf den wichtigen Strecken Knappheitspreise einführen. Diese könnten aber nur über den geltenden Preisen liegen. Doch mit solchen nach oben flexiblen Preisen kämpfen die SBB nicht nur gegen den Preisüberwacher, sondern auch gegen eine überwiegende Mehrheit der Kundschaft.
Das Resultat ist eine asymmetrische Preispolitik: Die SBB offerieren punktuell vergünstigte „Sparbillets“ auf weniger frequentierten Zügen bzw. zu weniger frequentierten Zeiten. Das ist auch eine Art von Preispolitik nach Knappheit, aber sie beseitigt die Überbelegung der Züge zu den übrigen Zeiten nur marginal, nämlich wenn Leute durch den Rabatt ihre Wahl des Zuges anpassen, so sie zeitlich flexibel genug sind.


Es gibt wahrscheinlich eher eine qualitative als eine quantitative Abhängigkeit davon, ob das Objekt ein einzelnes Merkmal oder eine variable Dimension hat.
Ob es „gratis oder nicht (1 oder 0)“ ist. löst eine ganz andere Reaktion aus als „mehr oder weniger teuer“ zu sein.
Die Tasche für 5 Rappen lässt denjenigen, der sie bezahlen muss, denken, dass die Qualität des Objekts „gut oder schlecht“ ist, und er reagiert darauf, indem er auf den Kauf der Tasche verzichtet, während der Stuhl für 5 Fr. „mehr oder weniger teuer“ ist und eine Alternative als billiger empfunden wird. Das erste ist qualitativ und hat keine wirtschaftliche Grundlage, das zweite ist wirtschaftlich.