Respekt vor dem Amt – das war einmal

Viele demokratisch gewählte Spitzenpolitiker sind heute unbeliebter denn je

Eine weltweite Online-Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Morning Consult zur Zustimmung oder Ablehnung ausgewählter Staatsoberhäupter im Januar 2026 zeigte diese drei Schlusslichter:

(Quelle: Google KI)

Auf X kursieren über Bundeskanzler Merz Pinocchio-Karikaturen, aber das ist noch bei weitem nicht die Spitze der Respektlosigkeit in den sozialen Medien.

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Für politische Kommentatoren stellt sich immer die Frage, wie weit man mit Kritik an Amtsträgern gehen kann oder sollte. Wer meine Artikel im volldaneben-Blog oder in diversen Medien ein wenig kennt, ist vielleicht schon auf persönliche Charakterisierungen gestossen, bei denen man einen gewissen Mangel an Respekt vor dem Amt spüren konnte. Kürzlich habe ich in einem Blog-Beitrag mehrmals von unserer ‹Fukushima-Doris› geschrieben. Gemeint war die frühere Energieministerin Doris Leuthard mit ihrer Atomausstiegs-Spitzkehre. Das ist allerdings polemisch auf klar harmloserer Stufe als das, was man gelegentlich selbst von prominenten Kommentatoren liest oder hört.

Politker als Sündenböcke
Politiker eignen sich bestens als Sündenböcke, wenn es nicht rund läuft. Eine internationale Umfrage des Pew Research Center hat erhoben, welches die am häufigsten genannten Themen sind, wenn Menschen beschreiben, was zur Verbesserung der Funktionsweise der Demokratie in ihrem Land beitragen würde. Hier das Ergebnis, das ich schon in einem früheren Blog-Beitrag gezeigt hatte:

What Can Improve Democracy? – Spring 2023 Global Attitudes Survey

In der überwiegenden Anzahl der Länder sind nach Meinung der Bevölkerung die Politiker gefordert. Die Leute wollen bessere Politiker. Man erhält von den politischen Repräsentanten offenbar nicht mehr das, was den geweckten Erwartungen entspricht. Ein krasses Beispiel liefert gerade die deutsche Merz-Koalition.

Allerdings zeigt die Statista-Beliebtheits-Rangliste die CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche mit 11 Prozent Zufriedenen noch hinter Bundeskanzler Merz mit 13 Prozent Zustimmung. Dabei ist Reiche in der Koalition die Einzige, die noch etwas ordnungspolitischen Geist verströmt und wirksame strukturelle Reformen anmahnt. Das lässt befürchten, dass die Mehrheit der Deutschen am Ende keine echten Reformen, sondern doch wieder mehr sozialdemokratische Politik des Subventionierens und Umverteilens wünschen.

In der Schweiz, die in der Pew-Erhebung leider nicht vorkommt, sind die politischen Verantwortlichkeiten unter dem Einfluss der direkten Volksrechte derart verwischt, dass eine Forderung nach besseren Politikern und mehr ‹Leadership› tendenziell auf das Stimmvolk zurückfallen würde. Das gilt auch für die früheren Zuständigkeiten von alt Bundesrat Alain Berset. Trotzdem habe ich bei Berset grosse Mühe mit dem Respekt vor dem Amt.

Mein Fall Berset
Ich stelle die Frage: Was hat Berset, Bundesrat von 2012 bis 2023, in den zentralen Reformbereichen seines Departements, der Gesundheitspolitik und der Altersvorsorge, an wirksamen Reformen hinterlassen? Meine Antwort: In beiden Bereichen sind wir heute mit einer Situation konfrontiert, die wesentlich schlechter ist, als zur Zeit des Amtsantritts von Berset. Er war trotz allem der Liebling der urbanen links-liberalen Elite, also der in den meinungsmächtigen Institutionen weit übervertretenen Akteure.

Bersets Standardfloskel gegen eine Erhöhung des Rentenalters lautete: «Ein höheres Rentenalter ist nicht mehrheitsfähig.» Das war die bequemste Haltung, weil sie genau der SP-Parteihaltung entspach. Seine Nachfolgerin Baume-Schneider, auch SP, führt diese Linie fort, und zwar möglichst bis zum Sankt Nimmerleinstag. Aufgabe eines Bundesrats wäre es aber, statt die Stimme des Volkes vorwegzunehmen, die Bevölkerung über kritische Trends und reformerische Notwendigkeiten beharrlich aufzuklären.

Für rabiate Kritiker der bundesrätlichen Corona-Politik würde die Pinocchio-Karikatur auch für unseren Alain Berset passen. Seine mit Skandalen belastete Corona-Politik ist anderorts schon ausgiebig kritisiert worden, so dass ich hier nicht nachlegen will. Nur einen Punkt möchte ich nochmals erwähnen, weil auch in den Medien immer wieder eine falsche Behauptung rezykliert wird. Man hört oder liest bis heute immer wieder, eine stark einschränkende Politik sei mindestens zu Beginn der ‹Pandemie› (ein Missbrauch des Begriffs) angemessen gewesen, weil niemand wusste, wie sich die Lage entwickeln würde.

Statistische Daten früh verfügbar
Am 16. März 2020 beschloss der Bundesrat den totalen Lock-down. Bereits vier Tage später, am 20. März, schrieb ich auf volldaneben.ch folgenden Kommentar:

Zehn Tage später schrieb ich dann noch einen passenden Blog-Kommentar unter dem Titel Zur Logik des politischen Überschiessens in Zeiten der Krise›. Der Vorwurf an Politiker, zu wenig gegen eine wahrgenommene Krise zu tun, wiegt viel schwerer als die Kritik an überschiessenden Massnahmen. Der Beweis des guten Willens entlastet.

Trauerspiel Invalidenversicherung
Auch für die neuste Fehlentwicklung, das sich ankündigende noch wachsende 10-Milliardenloch in der Invalidenversicherung IV, trägt der Nicht-Reformer Berset eine erhebliche Verantwortung. Die NZZ hat jüngst ausführlich darüber berichtet. Die IV ist ein langjähriges Trauerspiel des politischen Versagens, an dem alle beteiligt sind. Nicht zuletzt die nicht-linken Parteien, weil es deren Politiker nicht wagen, gegen linke, moralisch aufgeladene Sozialpolitik Widerstand zu leisten, aus Angst, sich unbeliebt zu machen. Vor bald zehn Jahren schrieb ich dazu in meinem Buch ‹Wie viel Markt verträgt die Schweiz?› zu den damaligen Reformversuchen bei der IV:

Geschichte wiederholt sich nicht? Doch, in der eidgenössischen Politik offenbar schon!

Das Amt als Sprungbrett
Inzwischen ist Alain Berset zum Generalsekretär des Europarats aufgestiegen. Und unserer ‹Fukushima-Doris›, deren opportunistische Energiewende mit Atomausstieg die Schweiz bezüglich einer wirtschaftlichen Energiepolitik mit hoher Versorgungssicherheit um Jahrzehnte zurückgeworfen hat, brachte das Amt nach dem Rücktritt gemäss Wikipedia folgende Mandate:

Die Floskel von der ‹politischen Verantwortung› bleibt für mich eine Leerformel. Auch in der Politik gilt: Wer hat, dem wird gegeben.

One thought on “Respekt vor dem Amt – das war einmal”
  1. Vielleicht gehen Sie mit Berset etwas stark ins Gericht. Andere, heute fast voll allen gelobte Bundesräte, haben wit mehr Mist gebaut (Stich, Dreifuss, Calmy-Rey, Sommaruga……), die Bundesverwaltung von fähigen bürgerlichen Chefbeamten „befreit“ und durch linke Ideologen ersetzt.

    Bei Covid war allen klar, dass Junge nichts zu befürchten hatten. Das wusste auch Berset. Die Frage war, wie man die Alten schützen kann. Hier gab es in europäischen Gesundheitsministerien offenbar nur eine Meinung. Die schweizerischen Massnahmen waren grösstenteils milder und vernünftiger als die unserer Nachbarn. Fraglich scheint mir hingegen, ob das Bundesamt für Gemütlichkeit BAG seiner Aufgabe gerecht geworden ist.
    Heute wissen wir, dass der (übrigens nicht vollständige) Lockdown falsch war. 2020 war aber nicht die Vernunft, sondern die Kapazität der Intensivstationen das mass aller Dinge.

    Die Unfähigkeit unseres Parlaments, dringend notwendige Reformen zu beschliessen, geht mir allerdings auch auf die Nerven. Ich habe lange genug in der Bundesverwaltung gearbeitet (unter den drei integren Bundesräten Ritschard, Schlumpf und Ogi) um zu wissen, dass man eine Vorlage niemals durchbringen kann, indem man dem Parlament eine viel zu lange komplizierte Botschaft zustellt (die ohnehin niemand liest) und im übrigen schweigt. Auch eine PK mit den Bundeshausjournalisten genügt nicht. Die Bundesverwaltung darf nicht Partei sein, aber sie hat das Recht anders denkenden Regierungsräten, Journis und Leserbriefschreibern ihre Ueberlegungen zu erklären und Falschaussagen mit sachlich unanfechtbaren Argumenten zu entkräften. An den Sitzungen der parlamentarischen Kommissionen sollte sie das ohnehin von Amtes wegen tun. Das ist harte Knochenarbeit. Aber so kann man die Mehrheitsfähigkeit einer Vorlage ein Stück weit selber herstellen.

    Bundesrat Schlumpf sagte jeweilen, ihm sei es egal, ober er bei der Presse beliebt sei oder nicht. Wichtig sei für ihn nur, das für das Land Richtige zu tun
    Bundesrat Ritschard meinte, das einzige, das er in seinem Amt ohne Konsultation aller möglichen Stellen beschliessen könne, sei einen Dienstwagen mit Chauffeur zu bestellen.
    Auch Bundesrat Rösti ist in dieses System eingebunden. Und versucht, das für das Land Richtige zu tun, nämlich einen Blackout zu verhindern. Dafür kriegt er Morddrohungen.

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