Ein ernüchternder Rückblick an die Adresse der Grünen aller Parteien
Auf die Gefahr hin, dass ich mit diesem Bericht bei einigen klimapolitisch gut informierten Lesern offene Türen einrenne, kommentiere ich heute eine Schadensschätzung des bekannten US-amerikanischen Umweltwissenschafters Roger Pielke jr. Dieser wurde von den üblichen Kreisen auch schon als Klimaleugner diffamiert. Dazu hatte ich in einem früheren NZZ-Artikel geschrieben:
«Klimaleugner» kann man heutzutage ebenso rasch und unverhofft werden wie «Rassist». Es genügt, das 1,5-Grad- oder das Netto-Null-Ziel kritisch zu hinterfragen. Roger Pielke jr. etwa, ein Politikwissenschafter an der University of Colorado in Boulder, wurde als «Klimaleugner» diffamiert, bloss weil er in akribischen Datenanalysen zu Dürren, Überschwemmungen, Buschbränden oder Orkanen – entgegen dem verbreiteten Alarmismus – keine klaren Trends zu extremeren globalen Wetterereignissen feststellen konnte.
Über ein typisches Muster eines verzerrten Berichts über Klimaschäden berichtete Pielke während einer Vortragsreise in Australien (siehe dazu meinen früheren Blogbeitrag).
Inzwischen hat Pielke die Universität in Boulder, seine Alma Mater, aufgrund einer gewissen Frustration über das dort herrschende Klima, freiwillig verlassen. Heute ist er Senior Fellow am American Enterprise Institute. Dass ein öffentlich wahrnehmbarer Kritiker der politisierten Klimaforschung aus dem feindlichen Umfeld einer ‹woken› Hochschule aussteigt und bei einem als konservativ bezeichneten Think Tank landet, war schon fast vorgezeichnet.
Selbst untergrabene Energiesicherheit
Pielke beschäftigte sich in seinem letzten Newsletter ‹The Honest Broker› mit der Frage, wie Europa heute energie- und klimapolitisch dastehen würde, wenn vor gut 30 Jahren der Weiterausbau der Kernenergie nicht gestoppt worden wäre. Der Titel seiner Untersuchung lautet: «How Europe Undermined Its Own Energy Security».
Gemäss Pielke gab es Mitte der 1990er-Jahre in der EU 136 Reaktoren in über 50 verschiedenen Kraftwerken, deren Bau massgeblich auf das staatlich gelenkte französische Atomprogramm zurückzuführen war. Pielke fragte sich: Wie sähe der Energiemix der EU heute aus, wenn sich der Staatenbund für eine Zukunft mit Kernenergie entschieden hätte? Welchen Einfluss hätte dies auf den Verbrauch fossiler Energie gehabt, und wie viel CO2 wäre dadurch weniger ausgestossen worden?
Pielke benützt zwei alternative Szenarien ab den frühen 2000er-Jahren, als der Kernenergieverbrauch der EU-27 seinen Höhepunkt erreichte. Das erste Szenario geht davon aus, dass Europa, anstatt Kernkraftwerke abzuschalten, einen Kurs des moderaten Wachstums eingeschlagen hätte. Im zweiten Szenario wäre Europa zum Ausbautempo von etwa 1970 bis 1990 zurückgekehrt und hätte jährlich zirka sieben neue Reaktoren in Betrieb genommen.
Die Hauptergebnisse sind in der Tabelle unten zusammengefasst. Gezeigt sind die geschätzten Einsparungen in Exajoules (Ej) anhand des möglichen Ersatzes von Gas aus Russland und Katar sowie an Kohle in der EU.
In beiden Szenarien werden sowohl russisches Pipeline-Gas als auch katarisches LNG vollständig ersetzt. Im moderateren Szenario werden zudem 66 Prozent des Kohleverbrauchs ersetzt, im Ausbauszenario ist es sogar der gesamte Kohleverbrauch – mit einem Restüberschuss an Kernenergie. Das ruft mir spontan in Erinnerung, wie sich unsere pianistisch versierte Energieministerin und Kernenergiegegnerin Sommaruga an einer der Weltklimakonferenzen mit der Forderung nach einem rascheren Ausstieg aus der Kohle in Szene gesetzt hatte!
Für die Anhänger einer ‹ambitionierten Klimapolitik› – das heisst einer Energieversorgung nur mit sogenannt Erneuerbaren und ohne AKWs – sind Pielkes Schätzungen der CO2-Einsparungen besonders interessant. Die Tabelle unten zeigt die Auswirkungen der beiden Szenarien auf die CO2-Emissionen der EU-27. Diese lägen 2024 um gut 15 bzw. 21 Prozent niedriger als tatsächlich.
Was in Roger Pielkes Schadensbilanz des ideologisch unterfütterten Kernenergie-Stillstands in Europa fehlt: eine Schätzung der Zahl vermiedener Todesfälle – oder gewonnener Lebensjahre – als Folge der geringeren Luftverschmutzung mit Schadstoffen aus fossilem Energieverbrauch. Ich stellte Google Gemini folgende Frage:
Bezüglich des Stillstands des Ausbaus der Kernenergie in westlichen Ländern seit ungefähr 1995: Gibt es Schätzungen über die Anzahl von Todesfällen durch Luftverschmutzung oder Anzahl verlorener Lebensjahre durch den Ersatz von Strom aus nicht verfügbarer Kernenergie durch fossile Energie?
Google Gemini liefert eine Fülle von eindrucksvollen Daten aus verschiedenen Studien. Das kann man selbst replizieren, wenn man meine Frage eingibt. Ich zitiere hier nur die Zusammenfassung:
Es gibt keine exakte globale Zahl für den Zeitraum seit 1995, aber basierend auf den Modellen von Hansen und Kharecha sowie Regionalstudien (NBER) lässt sich schlussfolgern: Der Verzicht auf Kernkraft zugunsten fossiler Brennstoffe hat in den westlichen Industrienationen wahrscheinlich Hunderttausende vorzeitige Todesfälle durch Luftverschmutzung zur Folge gehabt.
Man könnte schliesslich angesichts der aktuellen Weltlage noch darüber spekulieren, welche zusätzlichen Freiheitsgrade in geopolitischen Konflikten für die westlichen Interessen ohne diese Kernenergiephobie bestanden hätten.





Diese Analyse zeigt einmal mehr, dass Emotionen in der Politik das rationale Denken verdrängen. Rationales Denken ist zwar nicht unfehlbar, bezieht jedoch viel mehr Aspekte und vor allem Nebenwirkungen in die Entscheidungsprozesse ein. Gefühle, insbesondere Ängste, beruhen meistens auf einem engen Reflex und ziehen grundsätzlich schlechtere Lösungen nach sich. Den Unterschied hat Hans Rentsch in Zahlen mit bestürzender Deutlichkeit dargelegt.
Gedankenlose Gefühle haben in den Parlamenten und Gremien weiterhin die Oberhand. Die Schweiz wird in naher Zukunft, so ist zu befürchten, mehrere Weichen falsch stellen.