Darf man sich bei psychischen Tiefs an fremden Schicksalen aufrichten?

Velostrecke über den steilen Pragelpass, der künftig für mich aus dem Programm fällt
Keine Sorge, dies ist mein letzter Beitrag im Zusammenhang mit dem Unfall.
Nach meinem hässlichen Velosturz vom 3. April in Eschenbach (Kanton St.Gallen) und der Reise durch zwei Spitäler und zwei Rehakliniken hatte ich auch immer wieder mal psychisch mit der neuen Situation zu kämpfen. Ursache solcher Tiefs war die Empfindung, dass das Nachher nie mehr sein wird wie das Vorher. Man neigt in solchen Momenten zu Selbstmitleid.
Nun lese ich auf der Online-News-Plattform „The Free Press“ einen Artikel der amerikanischen Autorin Lionel Shriver, die schildert, wie sie nach Rückenoperationen und diversen Komplikationen und Untersuchungen schliesslich mit dem seltenen „Guillain-Barré Syndrome“ (GBS) diagnostiziert wurde. GBS ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper sein eigenes Nervensystem angreift und die Muskulatur abgebaut wird. Shriver ging durch eine längere schreckliche Leidenszeit, bei der sie gleichsam schrumpfte und im Alltag immer abhängiger von anderen Menschen wurde.
Ich würde meinen Unfall nie auf die gleiche Stufe stellen wie die Erkrankung von Shriver. Dieselbe Haltung zeigte Shriver, als sie die Memoiren „Shattered“ des britisch-pakistanischen Romanautors, Dramatikers und Drehbuchautors Hanif Kureishi gelesen hatte. Shriver schreibt:
„(Dieser) sass im Jahr 2022 an einem Tisch, als er unerklärlicherweise ohnmächtig wurde und auf dem Nacken landete. Das war das Ende seines bisherigen Lebens. Von einem Moment auf den anderen wurde er zum Tetraplegiker. Kureishi berichtet, dass er sich seitdem nicht mehr die Nase kratzen, telefonieren oder essen konnte.… Ich stelle meine Beschwerden nicht auf eine Stufe mit denen von Kureishi. Meine Prognose ist viel besser…. Kureshi wird…. für den Rest seines Lebens auf Pflegekräfte angewiesen sein, die ihn anziehen, füttern und ihm die Toilette besorgen. Aber wir teilen die Erfahrung, dass uns, in seinem Fall im wahrsten Sinne des Wortes, merkwürdiges körperliches Pech auf den Kopf gefallen ist. Wie ich empfindet Kureishi die völlige Abhängigkeit von anderen Menschen als demütigend.
Was ist dagegen das Schicksal eines Hobby-Velofahrers, der fünf Wochen nach einem Sturz, der viel schlimmer hätte ausgehen können, aus der Rehaklinik nach Hause entlassen wird und seitdem den Alltag ohne fremde Unterstützung bewältigen kann? Und der bereits wieder für 20-minütige Kurztrainings auf dem Spinning-Velo sitzt? Mein Bedauern beschränkt sich darauf, dass ich mich damit abfinden muss, den wunderschönen, aber sehr steilen Pragelpass auf dem batteriefreien Rennvelo nie mehr überqueren zu können – weder vom schwyzerischen Muotathal, noch von der Glarnerseite her. Selbstmitleid ist also fehl am Platz.

Lieber Hans, ich wünsche Dir weiterhin gute und schnelle Fortschritte bis zur vollständigen Genesung!
Lieber Hans,
einige von uns alten Trainingskameraden haben sich ein wenig Sorgen gemacht… In Deinem Alter so einen hässlichen Sturz etcetc. Wie Du mit der Geschichte umgegangen bist, schnell wieder nach vorne geschaut und offensiv kommuniziert hast verdient meinen höchsten Respekt. Auch wenn die Steigungen ein wenig flacher werden und die Kaffeepausen länger, freue ich mich darauf bei Gelegenheit wieder einmal mit Dir ein paar Meter zu rollen!
Lieber Hans, Selbstmitleid ist aus meiner Sicht im Grunde (wenn es nicht Überhand nimmt) nichts schlechtes. Es lädt ein zur Inventur und von dort in die Zukunft. Es hat mich gefreut Dich vergangene Woche wieder auf den Beinen zu sehen und mit gewohnter Vorwärtssicht. Ich wünsche Dir weiterhin eine gute und vollständige Genesung. Der Pragelpass (und das Beizli oben) sind übrigens auch mit Veloalternativen sehr attraktiv 🙂