Falsch interpretierte Umfragen fördern schlechte Politik
Im journalistisch hochstehenden US-amerikanischen digitalen Newsletter ‚The Liberal Patriot‘ las ich diese Woche über eine Umfrage unter dem Titel ‚What Americans Think About Crime and Public Safety‘. Diese Umfrage weckte bei mir sofort Assoziationen zu einem Thema, dem ich bereits einen Blogbeitrag ‚Überschiessender Altruismus‘ gewidmet hatte. Wenn man in Umfragen die Leute einerseits nach ihrer persönlichen Lage befragt, anderseits wissen will, wie sie die allgemeine Situation aller Leute im Land einschätzen, zeigt sich regelmässig eine pessimistische Verzerrung in Bezug auf die allgemeine Lage.1 Ich hatte dies am Beispiel von Umfragen zur Sicherheit des Arbeitsplatzes und zur Wohnsituation illustriert. Bevor ich die Ergebnisse der amerikanischen Umfrage zur Kriminalität zeige, rekapituliere ich kurz die früheren Beispiele.
Umfragen zu Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot
Im jährlich erhobenen ‚Sorgenbarometer‘ der verblichenen Grossbank Credit Suisse wurde jeweils nach der generellen Lage im ganzen Land und nach der eigenen Lage gefragt, zum Beispiel zur Sicherheit des Arbeitsplatzes. Über Jahre galt früher die Arbeitslosigkeit als Hauptsorge für das ganze Land. Im Schlussbericht des Sorgenbarometers 2015 stand folgender Satz: „Während die Sorgen um die Arbeitslosigkeit seit 2013 kontinuierlich anstiegen, schätzt ein sich ebenfalls stets vergrössernder Anteil der Befragten die eigene wirtschaftliche Lage optimistisch ein.“ Die Aggregierung der individuellen Lageeinschätzung ergibt ein viel positiveres Gesamtbild als die Einschätzung der allgemeinen Lage.2
Medienwirksam publiziert wird aber die negative Einschätzung der Leute zur allgemeinen Lage, die nicht zuletzt das Ergebnis von Medienberichten über Betriebsschliessungen und Entlassungen ist. Und wie berichtete die Gratiszeitung ’20 Minuten‘ über den ‚Sorgenbarometer 2013‘? Der Titel des Berichts lautete: „Die Schweizer haben am meisten Angst um ihren Job“. Voll daneben!3
Das zweite Beispiel in meinem früheren Blogartikel betraf die Einschätzung der eigenen und der allgemeinen Wohnsituation. Dort zeigte sich genau dieselbe pessimistische Verzerrung wie beim Thema Sicherheit des Arbeitsplatzes. Die Leute sind mit ihrer eigenen Wohnsituation überwiegend zufrieden, hören aber zur allgemeinen Lage ständig das Schlagwort ‚Wohnungsnot‘ und sind dann eher bereit, für staatliche Schutzmassnahmen zu stimmen, auch weil sie daraus emotionalen Gewinn ziehen – ich setze mich ein für die Benachteiligten. Aus einem fehlgeleiteten Altruismus entwickeln sich Sympathien für eine überschiessende regulierende Sozialpolitik. Dass eine solche Politik meist gerade die zu Schützenden benachteiligt, bleibt ausgeblendet.
USA: Umfrage zur Kriminalität
Die Umfrageergebnisse über die Wahrnehmung der Kriminalität, die ‚The Liberal Patriot‘ kommentierte, zeigt wiederum dieselbe Diskrepanz zwischen der Einschätzung der eigenen und der allgemeinen Lage. In der Grafik unten sind die Ergebnisse der Umfrage von Associated Press und dem Meinungsforschungsinstitut NORC der Universität Chicago dargestellt.
66 Prozent der Leute halten Kriminalität auf nationaler Ebene für ein grosses Problem, während 81 Prozent dasselbe über Grossstädte sagen. Aber in ihrer eigenen Gemeinde sind es nur 24 Prozent. Die Leute schätzen das Ausmass der Kriminalität in ihrer Region bei weitem nicht so schlimm ein wie auf nationaler Ebene. Auch hier gibt es somit einen pessimistischen Bias. ‚Your community‘ umfasst alle Gemeinden, auch die Grossstädte, und dies lässt sich zu einem Gesamtbild aggregieren. Zwischen den beiden Gesamtbildern, dargestellt in den zwei mittleren Säulengruppen, zeigt sich wieder die gleiche Diskrepanz wie in den oben erwähnten Umfragen. Offenbar stützt sich die aktuelle rabiate Politik der Trump-Regierung mit der Entsendung von Einheiten der Nationalgarde in Grossstädte auf das Bild, das die erste Säulengruppe vermittelt.
Dramatische Bilder prägen Meinungen
In den Medien zirkulierende Bilder wie das hochdramatische einer Überwachungskamera unten beeinflussen die Meinungsbildung zur allgemeinen Lage. Ein psychisch gestörter, x-fach straffälliger und mehrfach verurteilter Typ erstach am 22. August in einem Vorortszug in Charlotte (North Carolina) mit einem Klappmesser Iryna Zarutska, eine aus der Ukraine in die USA geflüchtete 23-jährige Frau – ein Zufallsopfer.
Die Überwachungskamera zeigt, wie die junge Frau in den Zug einsteigt und sich fatalerweise in die Sitzreihe vor dem Mörder hinsetzt. In den Medien ist die Szene des eigentlichen Mordes herausgeschnitten, aber der Typ läuft nachher noch eine ganze Weile im Zug herum und hinterlässt Blutspuren auf dem Boden, da er sich offenbar beim Angriff selbst an der Hand verletzt hatte. Solche Bilder setzen sich in den Köpfen fest und verzerren die Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten und Risiken. Genau so wie dies in der Umfrage zur Kriminalität sichtbar wird.
Kritiker von Trumps Entsendung von Nationalgardisten in Grossstädte halten dieser Politik statistische Daten entgegen, die zeigen, dass die Kriminalität in den letzten Jahren rückläufig war. Das heisst aber nicht, dass das erreichte aktuelle Niveau in der Wahrnehmung der Stimmbürger als akzeptabel empfunden wird.
- Übertriebenen Pessimismus in westlichen Gesellschaften bekämpften mit Rückgriff auf verfügbare Daten zwei bekannte Autoren : der britische Wissenschaftspublizist Matt Ridley mit seinem Buch ‚The Rational Optimist‘ und der verstorbene schwedische Professor für internationale Gesundheit Hans Rosling mit dem Buch ‚Factfulness‘. Beispiele dieser Autoren für zu pessimistische Ansichten betreffen etwa die weltweite Armut, Überbevölkerung und Hunger, die Kindersterblichkeit, die Verschlechterung der Umwelt oder den Klimawandel. Beide Autoren sehen einen Grund für die verzerrten Meinungen in der Gewohnheit der Menschen, vergangene Entwicklungen einfach linear in die Zukunft zu verlängern und den technologischen Fortschritt und Innovationen zu unterschätzen. Dazu kommt die asymmetrische Berichterstattung in den Medien mit einem Übergewicht dramatisierter schlechter Nachrichten. Gleichzeitig treffen solche Nachrichten bei den Leuten auf grösseres Interesse. ↩︎
- Die Sorge um die eigene Stelle ist nicht dasselbe wie die Sorge um die Arbeitslosigkeit. Sorgenbarometer 2013: Nur 7 Prozent der befragten Stimmberechtigten gaben an, dass sie sich vor einer Entlassung innerhalb eines Jahres fürchteten. Und bloss 14 Prozent stuften ihre Stelle als mehr oder weniger unsicher ein. Obwohl also 86 Prozent der über 13 000 Befragten ihre Arbeitsstelle als sicher betrachteten, nannten 44 Prozent (im Sorgenbarometer 2015 sogar 51 Prozent) die Arbeitslosigkeit als eines der fünf wichtigsten Probleme der Schweiz. ↩︎
- Sogar im neusten ‚Sorgenbarometer 2025‘ werden die Ergebnisse falsch interpretiert, indem die Aussagen zur eigenen und zur allgemeinen Lage vermischt werden: „Die Angst um die eigene Arbeitsstelle bewegte bis Mitte der 2010er-Jahre noch einen grossen Teil der Stimmbevölkerung und belegte seit den 80er-Jahren regelmässig den ersten Platz unter den Sorgen in der Schweiz. In den letzten zehn Jahren hat die Sorge rund um Arbeitslosigkeit aber stets abgenommen und ist mittlerweile zu einem Randphänomen geworden: Nur noch 5 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer empfinden die Arbeitslosigkeit als eines der grössten Probleme des Landes. ↩︎



