Tännlers Oxymoron

Unsere Konsensdemokratie läuft nur noch im Stottergang

„In unserem wunderbaren direktdemokratischen System
kommt kaum mehr Schwungvolles zum Durchbruch.“

(Heinz Tännler, Finanzdirektor des Kantons Zug, im Interview mit der NZZ)

Tagungsband einer Zuger Tagung vom September 1996

Im Ausspruch des Zuger Finanzdirektors, der gegenwärtig allein schon amtsbedingt das Zuger Wirtschaftswunder verkörpert, steckt eine Art Oxymoron, also ein Widerspruch in sich selbst. Entweder bringt unser wunderbares politisches System noch Schwungvolles zustande, dann ist es in der Tat wunderbar. Oder es bringts nichts mehr Schwungvolles zustande, dann ist es halt doch nicht (mehr) so wunderbar.

Bis jetzt lief alles wunderbar
In der Vergangenheit sind wir unzweifelhaft mit unserer halbdirekten Demokratie gut gefahren. Dabei darf man nicht vergessen, dass die heutige Schweiz aus weniger plebiszitären früheren Zeiten viele von unseren Vorfahren geschaffene Vorteile aller Art geerbt hat: Basisinfrastrukturen für Bildung, Verkehr und Energie, global erfolgreiche Weltkonzerne, dank offenen Grenzen oft von Ausländern in der liberalen Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet, dann auch die in den beiden Weltkriegen nützliche Neutralität und die politische Stabilität.

Des weiteren haben auch günstige natürliche Voraussetzungen zum Erfolgsmodell Schweiz beigetragen, zum Beispiel die zentrale geografische Lage mitten in Europa mit angrenzenden dynamischen Wirtschaftsregionen wie Baden-Württemberg, Lombardei oder Vorarlberg. In seiner Strukturberichterstattung Nr. 54/5 von 2015 thematisierte das SECO diesen Vorteil der Lage und korrigierte die Floskel von der kleinen offenen Volkswirtschaft: Die Schweiz habe einen erheblichen Nachholbedarf bei der Liberalisierung der Handelsströme. Und weiter im Originalton:

Daran hat sich seither kaum viel geändert. Wirklich wirksame Freihandelsabkommen oder sonstige Liberalisierungen sind nicht ‚auf den Weg gebracht worden‘, wie es im Politijargon Deutschlands so schön heisst. Immerhin wirkt der attraktive Lebensraum, kombiniert mit einem hohen Grad an Freiheit und Sicherheit, weiterhin als Magnet für ausländisches Talent.

Qualitativ überdurchschnittliche Immigration
In neuerer Zeit profitierte unser Land von der Personenfreizügigkeit mit der EU. Qualitativ haben wir eine bessere Immigration als die meisten anderen europäischen Länder. Der schweizerische Arbeitsmarkt ist heutzutage europäisch. Für immer mehr Stellen in der modernen Wirtschaft sind Kenntnisse einer Landessprache nicht mehr zwingend notwendig. Besonders Stellen, die einen akademischen Abschluss erfordern, sind davon betroffen. Das bedeutet, dass sich für solche Stellenangebote inzwischen Kandidaten zu Hunderten bewerben. Arbeitgeber können sich die besten Leute aus fast ganz Europa aussuchen.

Der schweizerische Arbeitsmarkt wirkt umso mehr als Magnet, je spürbarer sich die Lage in EU-Ländern verschlechtert. Meine technische Blog-Supporterin, eine kroatisch-schwedische Doppelbürgerin, kam mit ihrem Partner aus Schweden in die Schweiz, weil sie sich in Schweden, das bis heute die Immigrationswelle von 2015 noch nicht bewältigt hat, nicht mehr sicher fühlten. Sie bewarb sich um eine Stelle bei einer international tätigen Firma für Lebenszyklusdaten und -inventuren in Zürich und machte das Rennen unter mehr als 200 Bewerbern.

All diese Pluspunkte kombiniert mögen auch erklären, weshalb es der schweizerischen Volkswirtschaft durch strukturelle Anpassungen gelungen ist, die massive Aufwertung des Schweizer Frankens seit der Jahrtausendwende bis heute erfolgreich zu bewältigen.

CHF-EUR-Wechselkurs seit 2000 (Quelle: Swissquote)
CHF-US$-Wechselkurs seit 2000 (Quelle: Swissquote)

Der Euro stand gemäss SNB Ende 2000 bei CHF 1.51, heute ist er noch knapp CHF 0.91 wert. Für den US$ lauten die entsprechenden Zahlen CHF 1.64 und CHF 0.78. Auch hier erscheint die Schweiz als Sonderfall. Sie rüttelt im Alleingang an der konventionellen ökonomischen Weisheit, dass Abwertungen der eigenen Währung für die Volkswirtschaft nur gut sind. Jedoch dämpfen sie den Druck zu strukturellen Reformen und unternehmerischen Anpassungsmassnahmen mit Langzeitwirkung.

Die Schweiz wird normaler – leider
Spätestens heute muss man sich allerdings fragen, ob die Mechanik des schweizerischen politischen Systems dem Land und seinen Bewohnern die Fortschreibung dieser Erfolgsgeschichte noch erlaubt. Was der unbefangene Beobachter seit längerem befürchtet, zeigt sich nun immer deutlicher: Die Schweiz steht, als Folge von Unterlassungen einer opportunistischen Politik, vor den gleichen strukturellen Herausforderungen wie die meisten anderen europäischen Länder, wenn auch noch weniger akut. Doch eine nüchterne Extrapolation der jüngeren politischen Trends stimmt nicht gerade optimistisch, was die Bewältigung der drängendsten Problemfelder anbelangt.

Wer unbefangen auf die wichtigsten politischen Projekte und Volksabstimmungen seit der Jahrtausendwende blickt, kann zu keinem anderen Schluss kommen. Dabei darf man die präventive Wirkung der direkten Volksrechte nicht vergessen. Jedes mutige Projekt wird in den Mahlwerken der eidgenössischen Vernehmlassungsmühlen unter dem Druck von Referendumsrisiken zerstückelt oder gar völlig zerrieben. Dann gibt es noch die sehr seltene Ausnahme: Ein mutiges, ja übermütiges Projekt, das mithilfe einer konzertierten Gehirnwäsche-Kampagne unter Aufbietung aller progressiv besetzten meinungsmachenden Institutionen beim Stimmvolk eine Mehrheit erzielt, sich aber im Nachhinein bald als falsche Weichenstellung und Irrweg entpuppt. Ich spreche von der ‚Leuthard-Sommaruga-Energiewende mit Atomausstieg‘.

Die Altersvorsorge ist bei weitem nicht nachhaltig finanziert. Dasselbe gilt für das Gesundheits- und Pflegewesen, wo enorme Kostensteigerungen drohen. Die Belastungen für Infrastrukturinvestitionen (Energie, Verkehr, Bildung), auch jene mit Finanzierungstöpfen, stossen, an ihre Grenzen. Die Wiederaufrüstung der Armee im Sinne einer grenzüberschreitenden Verpflichtung zur Fähigkeit der Selbstverteidigung erfordert Dutzende Milliarden. Im Moment erleben wir als betroffene Steuerzahler nur ein riesiges penibles Beschaffungschaos. Für die steigenden Kosten des Asylwesens bietet die praktisch gescheiterte Schengen/Dublin-Zusammenarbeit keine Begrenzung mehr.

Zurück zu Tännlers Oxymoron
Ich habe über die Jahre prominente Stimmen gesammelt, die den oxymoronischen Ausspruch des Zuger Finanzdirektors Tännler, es komme in unserem wunderbaren System kaum mehr etwas Schwungvolles zustande, passend ergänzen und gelegentlich auch unser wunderbares politisches System mehr oder weniger offen und kritisch zur Sprache bringen. Ich beginne mit einem aktuellen Zitat, das dies gerade nicht tut, sondern mutigeres politisches Personal fordert.

Kommentar: Unerklärlich, wie Markus Somm den Einfluss und die jeweiligen Gemütszustände des Stimmvolks vergessen kann. Träumt er von einem ‚Milei-Moment‘ oder einem neuseeländischen ‚Big Bang‘? Genau dies ist aber in unserem hyperplebiszitären politischen System nicht möglich, wie das folgende Zitat verdeutlicht.

Kommentar: Nichts von dem passt in unser hyperplebiszitäres politisches Konsenssystem mit seinem ganzen Vernehmlassungszirkus. Wer von einem neuseeländischen ‚Big Bang träumt‘, mag weiterträumen.

Kommentar: Monika Bütler macht den Link zu den direkten Volksrechten und fordert, die Vor- und Nachteile der direkten Demokratie müssten offen diskutiert werden. Genau das will aber kaum jemand, weil jede Änderung ohnehin aussichtslos erscheint. Die Erfahrungen mit dem im Sande verlaufenen Reformprojekt der 1990er-Jahre wirken bis heute nach. Selbst die längst überfällige Erhöhung der Unterschriftenzahlen ist tabuisiert. Man spürt intuitiv, dass sich die institutionellen Entscheidungsregeln im Hinblick auf Reformen selbst blockieren.

Kommentar: Da steckt Vieles drin, was an Nachteilen der direkten Volksrechte unbefangen diskutiert werden sollte. Trotz aufwendiger Kompromisssuche erlitt übrigens die Rentenreform 2020 Schiffbruch. Der kombinierte Reformansatz AHV/BVG war einerseits zu kompliziert, und anderseits bot er gerade dadurch zu viele Ansatzpunkte zur Ablehnung.

Kommentar: Kompensationsmassnahmen lassen sich auch als diplomatischere Redewendung für ‚faule Kompromisse‘ verstehen. Der letzte Satz klingt ähnlich wie Tännlers Eingangszitat, nur von Amtes wegen etwas gedämpfter. Wie viel mehr Zeit etwas ganz Wichtiges braucht als anderswo, demonstrieren seit dem Ausbruch des Ukrainekrieges auf dramatische Weise das Chaos und die damit verbundenen zeitlichen Prognosen um die Wiederaufrüstung der Armee.

Kommentar: Mit Kirchhof wird es radikaler. Er schlägt auf einer sehr grundsätzlichen Ebene dasselbe vor wie ich in einem früheren Blogbeitrag: eine Rückkoppelung vom Output eines politischen Systems zu den Institutionen, die diesen Output hervorbringen. Auch das nächste Zitat läuft in diese Richtung.

Kommentar: Auch Sigg stösst sich am politischen Schneckentempo in der Schweiz. Kein Wunder, er hat als Unternehmer und Diplomat das chinesische Tempo erlebt. Unser demokratisches System, obwohl unantastbar, möchte Sigg optimieren. In welche Richtung bleibt offen. Ich habe seit einer mit dem verstorbenen Basler Wirtschaftsprofessor Silvio Borner organisierten Tagung im September 1996 schon viel darüber nachgedacht.

Nochmals: Mein Reformvorschlag
In all den oben genannten Problembereichen, wo mutige Reformen dringend wären, spielen die direkten Volksrechte eine bremsende Rolle. Als Muster kann hier eine Tabelle gezeigt werden, die ich für einen früheren Blogartikel erstellt hatte. Sie zeigt die Abstimmungsergebnisse von fünf wichtigen Reformvorlagen, bei denen das Stimmvolk die hohe Zustimmung im Parlament mit teils massiven Nein-Mehrheiten korrigierte.

Der blau gefärbte Teil rechts enthält meinen Reformvorschlag. Der Ja-Stimmenanteil des Stimmvolks wird mit dem Ja-Stimmenanteil der beiden Parlamentskammern kombiniert. Wenn das Stimmvolk eine Vorlage ablehnt, muss der Nein-Anteil in Spalte 7 grösser sein als die kombinierten Ja-Anteile in Spalte 8. Sonst gilt die Vorlage als angenommen. Von den fünf Abstimmungen wären vier Referenden auch mit meiner Formel erfolgreich gewesen. Bei knapperem Volksmehr für ein Referendum scheint meine Formel rabiater zu wirken. Die drei mit knappen Nein-Mehrheiten erfolgreichen Referenden in der Abstimmung vom 24. November 2024 wären mit meiner Formel alle gescheitert (hier).

Meine Hauptbegründung: Die National- und die Ständeräte befassen sich viel intensiver mit einer Vorlage als die meisten Stimmberechtigten. Zudem geht jede Vorlage als Entwurf durch eine Vernehmlassung bei allen irgendwie betroffenen Interessengruppen, später durch die Debattten in den beiden Räten. So gelangt aus dieser Quelle kaum je Radikales zur Abstimmung. Aber das Stimmvolk kann gleichsam mit einem Federstrich den ganzen Aufwand um die Austarierung eines Gesetzesentwurfs zunichte machen.

Das mag in Einzelfällen nötig sein, etwa dann, wenn die Kompromisssuche im kurvenreichen Prozess der Vernehmlassungen mit all den Konzessionen an referendumsfähige Interessengruppen eine derart komplizierte Vorlage hinterlässt, dass deren Vor- und Nachteile gar nicht mehr vermittelbar sind und der Status-Quo vorteilhaft erscheint. So geschehen nicht nur bei der überladenen Rentenreform 2020, sondern auch beim überdeutlich erfolgreichen Referendum gegen eine BVG-Reform im September 2024, als sich selbst BVG-Experten für den Status-Quo aussprachen.

Damit unser politisches System in seinem Output wunderbar bleibt, müssen wir auch unbefangen über eine Anpassung der direkten Volksrechte an neue Zeiten sprechen, statt mit oxymoronisch klingenden Redensarten dem absehbar heftigen und unangenehmen Widerstand gegen Reformen aus dem Weg zu gehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.