Temu-Velohosen, innen nach aussen gekehrt, um das spezielle Sitzpolster zu zeigen
(Bild von der Temu-Webseite kopiert)
Vorbemerkung aus aktuellem Anlass
Passend zum schweizerischen Nationalfeiertag verkündete die Trump-Regierung am 1. August exklusiv für die Schweiz 39-Prozent-Zölle. Der Sonderfall Schweiz hat eine neue Dimension dazugewonnen. Der Schock sollte hierzulande die Menschen aller Kategorien und Zugehörigkeiten aus der selbstgerechten Überzeugung befreien, unser Wohlstand sei mit immer noch mehr Regulierung, Bürokratie, Umverteilung und Schutz vor Risiken auf ewig gesichert. Dass dem keineswegs so ist, kann man auch an den astronomischen Kosten von Fehlentscheidungen sowie des Nachholbedarfs infolge verantwortungsloser Unterlassungen abschätzen.
Das grösste Versagen der Politik betrifft das Abwracken der Armee und der eigenen Rüstungskompetenzen. Die „Energiewende“ ohne Kernenergie hinterlässt eine Winterstromlücke, die mit Windkraft und PV zu tragbaren wirtschaftlichen und ökologischen Kosten niemals zu schliessen ist. Beim geplanten Bahnausbau rechnet man bereits mit 16 Milliarden Franken Mehrkosten. Die jüngste Schildbürgerei, die13. AHV-Monatsrente, belastet das nicht nachhaltige System mit jährlichen Zusatzkosten von anfänglich gut vier Milliarden Franken. Im Gesundheitswesen haben „politisch machbare“ Reformen keine sichtbare kostendämpfende Wirkung. Das ausser Kontrolle geratene Asylwesen verursacht Jahr für Jahr höhere Kosten und nicht-monetäre Lasten.
All diese unbewältigten Grossprobleme werden die öffentlichen Haushalte überstrapazieren, umso mehr als die bereits anämischen Wachstumsraten des BIP stagnierend oder negativ zu werden drohen – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Steuereinnahmen. Da Einsparungen erfahrungsgemäss am vielfältigen Widerstand scheitern, bleibt unter dem Diktat der Schuldenbremse nur die Erhöhung von Steuern, Gebühren und Sozialabzügen. Steuererhöhungen lassen sich mit dem Argument rechtfertigen, dass sie noch die Leute treffen, die all die überschiessenden staatlichen Leistungen nach dem Prinzip „Giesskanne“, die falschen Weichenstellungen und die x Milliarden teuren Versäumnisse zu verantworten haben.
Temu aus eigener Erfahrung
Doch all das ist bereits Thema in staats- und politikkritischen Medien, also bringe ich in dieser Ferienwoche etwas leichtere Kost, nämlich einen Bericht über meine Erfahrungen mit den Velohosen von Temu. Etwas abgekürzt nach Wikipedia ist Temu „ein Online-Marktplatz, der 2022 als Tochter der PDD Holdings Inc. mit Sitz in Shanghai gegründet wurde. Temu führt kein eigenes Warenlager, sondern fungiert als Vermittler zwischen Verkäufern und Käufern. Temu lockt mit schriller Werbung und niedrigen Preisen. Die Temu-App bietet eine breite Palette von Produkten an und wurde inzwischen x-millionenfach heruntergeladen.
Im Titel ‚Test der „chinesischen“ Velohosen‘ stehen die Anführungszeichen, weil Temu gemäss Wikipedia in Boston in den USA gegründet wurde. Zudem stammen die angebotenen Produkte nicht zwingend aus China, sondern Temu will nach eigener Aussage auch lokale Anbieter in den bearbeiteten Märkten auf die Plattform bringen.
Vor rund zehn Tagen erschien auf meinem Handy eine Temu-Werbung mit einem gerade passenden Angebot von Rennvelohosen zum Preis von 12 Franken, Versandkosten inbegriffen mit Rückgaberecht und einem Bonus von fünf Franken bei verspäteter Lieferung nach der Lieferfrist von zehn Tagen. Velohosen passten gerade, weil ich vorhatte, Ende Juli in meiner piemontesischen Ferienregion um Monforte d’Alba nach meinem hässlichen Velosturz vom 3. April erstmals wieder auf ein Rennvelo zu steigen. Und Velohosen minderer Qualität aus einem italienischen Intersport mussten dringend ersetzt werden.
Bestellung in zwei Minuten
Ich hielt 12 Franken für ein vertretbares Risiko im Falle schlechter Qualität. Es ging mir vor allem darum, den Ablauf bei Temu einmal real zu erleben. Also ging ich direkt auf dem Handy den Bestellprozess durch, der kaum zwei Minuten dauerte. Die Zahlung liess sich sofort über Twint machen. Eine Registrierung zur Eröffnung eines Kontos war nicht nötig, nur die Empfängeradresse musste man natürlich eingeben.
Für eine Lieferung vor der Abreise ins Piemont reichte es nicht. Auf den Strecken, die ich mit meinem Velokollegen an drei Tagen fuhr, hatte ich nach der langen Velopause stets Sitzbeschwerden.
Mittlere Velorunde (50 km) vom Montag, 28. Juli
(blau sind Steigungen, je dunkler desto steiler bzw. langsamer, rot sind Abfahrten, je dunkler desto schneller)
Als ich jedoch vergangenen Freitag, zurück aus dem Piemont, die Temu-Velohosen auf einer einheimischen Runde erstmals anhatte, erschien mir der Sitzkomfort besser als in den alten Kleidungsstücken. Vermutlich war das dickere Sitzpolster dafür verantwortlich. Über den Zustand der Hose nach drei Dutzend Waschgängen werde ich später berichten, falls mich jemand daran erinnert.
Heilsamer Wettbewerb
Die Tatsache, dass man zum Preis einer Marken-Velohose fünf bis zehn Temu-Velohosen kaufen könnte, ist kein bedingungsloses Plädoyer für aggressive chinesische Shopping-Unternehmen. Temu steht denn auch verschiedentlich unter teilweise gerechtfertigter Kritik. Doch der durch Temu und andere aus China stammende Online-Shopping-Plattformen angeheizte Wettbewerb trägt offenbar bereits Früchte. Kürzlich bestellte ich bei Galaxus ein Produkt, das ohne Zusatzkosten bereits am folgenden Tag geliefert wurde. Solange aber die Preisdifferenzen derart krass sind, werden europäische Anbieter nur schwerlich mithalten können.
Auch diese persönliche Temu-Story hat einen Bezug zur Vorbemerkung oben, weil sie sinnbildlich die Leistungs- und Innovationsbereitschaft der Chinesen mit derjenigen der Bevölkerungen in den westlichen Wohlfahrtsstaaten kontrastiert. Wir stehen unter Druck. Kostspielige bis unbezahlbare politische Extravaganzen, auf die wir teils bereits eingeschwenkt sind – stellvertretend dafür „netto null 2050“ – können wir uns nicht mehr leisten.


