Zum Vergleich des KI-Hypes mit der Dotcom-Blase, die in Schüben „platzte“
Das lange „Platzen“ der Dotcom-Blase
Vor dem Jahreswechsel wurde heftig diskutiert, ob 2026 die befürchtete KI-Blase an den Finanzmärkten platzen würde, verbunden mit der Frage, ob der KI-Hype mit der Internet-Euphorie von damals vergleichbar sei. Verschiedentlich wurde warnend an die Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende erinnert, deren schubweiser Druckverlust im März 2000 einsetzte und bis Ende 2002/Anfang 2003 dauerte . Die Kursverluste nach der „Entlüftung“ der Dotcom-Blase in Stufen waren gigantisch. Der Index der US-amerikanischen Tech-Börse NASDAQ ging um 78 Prozent zurück (Grafik unten). Der breite Index S&P 500 verlor 49 Prozent, der deutsche Leitindex DAX sackte um 73 Prozent ab, der SMI um 56 Prozent, und der deutsche Neue Markt Nemax brach mit einem minus von 95 Prozent praktisch vollständig zusammen. Die Grafik zeigt aber auch, dass sich etwas Geduld beim Anlegen lohnt. 2005 war man im NASDAQ schon wieder auf dem Niveau von 1999. Heute notiert der NASDAQ bei über 25’000 Indexpunkten. Auch alle anderen wichtigen Indizes liegen heute sehr weit über den früheren Niveaus.
Einen vergleichbaren Absturz wie damals kann oder sollte man nie völlig ausschliessen, aber er hätte meines Erachtens andere Gründe als das Gemetzel der massiven Dotcom-Korrektur. Da ich meine prognostischen Fähigkeiten realistisch einschätze, verzichte ich hier auf mögliche Begründungen. Dafür kann ich aus eigener Erfahrung schildern, wie es damals wirklich war. Wir gingen nämlich mit unserem Start-up Capital-Info.Net AG voll durch die Dotcom-Blase.
Riskanter Einstieg
Bei Capital-Info.Net AG stieg ich fast noch in deren Embryonalstadium Ende 1998 mit einer Wandelanleihe ein, die bald in Aktien gewandelt wurde. Der Gründer von Capital-Info.Net war ein früherer Geschäftspartner, Lic.oec.publ., dipl. Bücherexperte und unternehmerisch talentiert, aber zuvor mit einem UBS-Manager, der in Saudi-Arabien operierte, in ein Verlustgeschäft verwickelt. Er schuldete mir Geld, hatte aber keins. Nachdem er eine Schuldanerkennung unterschrieben hatte, präsentierte er mir seine neue Geschäftsidee: eine internetbasierte Börsenplattform für sogenannte „Electronic Public Offerings“ (EPOs) und einen späteren Sekundärmarkt für KMU. Das war zwar etwas gewagt, denn die damalige Börsenaufsicht und -regulierung war darauf noch nicht vorbereitet. Ich entschied mich trotzdem für ein Engagement. Nur so konnte mein Schuldner wieder zu Geld kommen, um mir meinen Kredit zurückzuzahlen.
Ein erstes Order-Matching-Tool, quasi Kernstück einer Börse, konnte mein Geschäftspartner bereits präsentieren. Das hatte aber eher noch den Charakter eines Potemkinschen Dorfes, denn eine Börse erfordert hinter der Oberfläche, primär aus regulatorischen Gründen, eine anspruchsvolle Infrastruktur, die noch nicht programmiert war. Mit technischer Unterstützung eines IT-gewandten Wirtschaftsstudenten der Uni Zürich entwickelten wir unser Produkt zu einem voll funktionsfähigen EPO- und Handelssystem. Mit Duldung der Börsenaufsicht machten wir im Jahr 1999 ein paar wenige EPOs – noch mit begrenztem Erfolg. Wir konnten aber unser System in Lizenz auch an zwei andere EPO-Möchtegern-Start-ups vergeben, eines in der Schweiz, eines in Deutschland.
Partystimmung am „First Tuesday“
Der damalige Internet-Hype war unbeschreiblich. Alle wollten irgendwie auf den Zug aufspringen aus Angst, etwas zu verpassen. Auch wir gewannen auf der Suche nach Kapital namhafte Aktionäre, die bei uns einstiegen. Zwar ist eine AG eine „société anonyme“. Aber da es die Capital-Info.Net so nicht mehr gibt, kann ich unsere damaligen Mitteilhaber nennen: die Bank Wegelin, die Basellandschaftliche Kantonalbank, eine Basler Privatbank und sogar der Novartis Venture Fund, der seine Spin-offs auf unserer Plattform zu lancieren hoffte.
Wir hatten auch Kontakte in die deutsche Finanzmetropole Frankfurt. Von dort kriegten wir Besuch von jugendlichen Finanz-Yuppies, die sich für unsere Aktivitäten interessierten. Sie fuhren mit den ersten klappbaren Mini-Trottinets in unsere Büros ein, was auch irgendwie zur exuberierenden Stimmung passte. Diese erlebte man auch an speziellen Anlässen, und da waren wir auch voll mitten drin.
Die Internet-Community traf sich, ausgehend von Städten in den USA, auch in Zürich jeweils am ersten Dienstagabend des Monats in Hochstimmung an „First Tuesday“-Parties. Dieses Networking-Event versprach, Internet-Innovatoren mit Venture Capital-Investoren zusammenzubringen, und „First Tuesday“ wurde vorübergehend zu einer weltweiten Marke. Dort lernte ich unter anderen den Internet-Pionier Stefan Schöbi kennen, den Gründer von The Blue Window (später Bluewin), der durch das Joint Venture mit der Telecom PTT, später Swisscom, bereits reich genug geworden war, um einen Karrierebruch zu vollziehen. Er erzählte mir begeistert von seinem Bio-Bauernhof am Lindenberg. Doch nicht alle schafften wie Schöbi den erfolgreichen Ausstieg. Totalverluste für Investoren gab es bei zwei der damals in der Schweiz am höchsten gehypten Internet-Highflyern.
Think Tools und Fantastic Corporation
Als ab März 2000 das „Platzen“ der Dotcom-Blase begann, gerieten wir mit Capital-Info-Net zunächst auch in Probleme. Die Nachfrage nach EPOs war schlagartig tot, und unsere Lizenznehmer konnten nicht mehr bezahlen. Doch das Untergangsschicksal von prototypischen Heisse-Luft-Startups wie Think Tools oder Fantastic Corporation konnten wir vermeiden. Think Tools versprach eine Art von „prozessoptimierenden Denkwerkzeugen“, die irgendwie – man wusste aber nie so genau wie – von der kreativen Nutzung des Internets profitieren sollten. Think Tools Geschäftsmodell wurde mir nie ganz klar. Doch der Börsengang im März 2000 brachte gegen eine Milliarde Franken. Am ersten Handelstag schoss der Aktienkurs in die Höhe, und schon war Think Tools 2,5 Milliarden Franken wert. Die heisse Luft entwich dann ziemlich schnell, obwohl WEF-Gründer Klaus Schwab zeitweise Vizepräsident des Verwaltungsrats war.
Der zweite Highflyer und spätere Nonvaleur, der in der Wirtschaftspresse noch fettere Schlagzeilen machte als Think Tools, war die Fantastic Corporation. Zu dieser gibt Google Gemini dem vergesslichen Blogger folgende Informationen (gekürzt und leicht redigiert):
„Die Fantastic Corporation mit Sitz in Zug war eines der prominentesten Beispiele für den Aufstieg und Fall der Schweizer Tech-Szene während der Dotcom-Blase. Sie galt zeitweise als das „Posterchild“ der New Economy in der Schweiz. Das Kernprodukt war Software für die Übertragung grosser Datenmengen über Breitbandnetze. Fantastic konnte namhafte Partner gewinnen, darunter Giganten wie Intel, Microsoft, Deutsche Telekom und Reuters, was den Hype massiv befeuerte. Im September 1999 ging Fantastic an den Neuen Markt der Frankfurter Börse. Der Ausgabepreis lag bei 13,50 Euro. Innerhalb weniger Monate explodierte der Kurs auf über 120 Euro. Auf dem Höhepunkt der Euphorie im Frühjahr 2000 wurde das Unternehmen mit fast 10 Milliarden Schweizer Franken bewertet – obwohl es kaum nennenswerte Umsätze erzielte und tiefrote Zahlen schrieb.
Wie viele Dotcom-Firmen geriet Fantastic nach dem Platzen der Blase im März 2000 in eine Abwärtsspirale. Die Umsatzerwartungen mussten mehrfach drastisch nach unten korrigiert werden. Die Nachfrage nach den teuren Breitbandlösungen blieb aus, da der Ausbau der Infrastruktur (insbesondere UMTS) viel langsamer voranging als erhofft. Von über 320 Mitarbeitern in den Glanzzeiten schrumpfte die Firma innerhalb weniger Jahre auf ein Skelett zusammen. Die Aktie, die einst über 100 Euro wert war, endete als „Penny Stock“ bei wenigen Cents. Fantastic scheiterte an einer Mischung aus zu frühen technologischen Ambitionen und der masslosen Überschätzung durch Investoren, die Potenzial mit realem Gewinn verwechselten. Heute gilt Fantastic in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte als Mahnmal für die Exzesse jener Ära, in der Storytelling und visionäre Konzepte oft schwerer wogen als solide Bilanzen.“
Ähnliche Firmenpleiten gibt es in der KI-Welt von heute nicht. Die führenden KI-Firmen sind die Billionen schweren Techgiganten. Pleiten kann man bei kleineren Unternehmen erwarten, die den KI-Zug verpassen. Erschütterungen an den Finanzmärkten sind natürlich immer möglich, aber Korrekturen im Ausmass von damals erscheinen mir heute ziemlich unwahrscheinlich, nicht zuletzt wegen den Erfahrungen mit der Dotcom-Blase.
Gelungener Ausstieg
Bei Capital-Info-Net (später Institute For Innovative Trading AG, kurz IFIT AG) verlegten wir uns nach einer Sanierung auf die Weiterentwicklung und den Eigenbetrieb von elektronischen Handelsplattformen. Der Prestigeauftrag, die Berner Telefonbörse in Konkurrenz zum Angebot der SIX auf ein elektronisches System umzurüsten, war der Wendepunkt zu besseren Zeiten. Unsere Entwickler waren zu jener Zeit ein ETH-Informatiker und ein diplomierter Cellist. In der Folge nutzten wir unser weiterentwickeltes halbautomatisches Handelstool mit Erfolg zur Verwaltung von Kapital aus dem eigenen Umfeld.
Mein Geschäftspartner kam eines Tages in mein Büro und behauptete ernsthaft, wir hätten mit unserem System eine Geldmaschine erfunden. Ich versuchte, seinen Optimismus zu dämpfen. Es stellte sich über die folgenden zwei bis drei Jahre heraus, dass unser Handelssystem tatsächlich in den meisten Monaten positive Renditen zwischen 0 und 1,5 Prozent erzielte, dies bei seltenen Negativmonaten im marginalen Bereich. Eine automatische Geldmaschine war es trotzdem nicht. Allein schon deshalb, weil immer noch zwei Händler an den grossen Bildschirmen sassen, um die Handelsaktivitäten zu überwachen.1 Einer der Händler war übrigens der Bruder des IT-affinen Cellisten, ein professioneller Bratschist.
Durch einen neuen Geschäftspartner, der unser Handelssystem in seinem Umfeld erfolgreich propagierte, weitete sich schliesslich der Kreis der Aktionäre im Zuge einer Kapitalerhöhung aus. Als VR-Präsident hatte ich es im Verwaltungsrat dann mit einem Saudi, einem Japaner, einem Schweizer mit etwas undurchsichtigen Beziehungen in kasachische Regierungskreise und mit der St.Moritzer Institution Rolf Sachs zu tun. Deren Einstieg war für mich der Auftakt zum Rückzug. Zum Schluss ging meine Rechnung auf: Im Herbst 2008 konnte ich meine Aktien mit schönem Aufschlag an Mitaktionäre verkaufen.2
In der ganzen Zeit arbeitete ich seit Mitte 2001 parallel auch an Projekten von Avenir Suisse. Mehr dazu nächste Woche unter dem Titel „25 Jahre Avenir Suisse“.
- Eine eher simple Basisstrategie war „Mean Reverse Trading“: Unter „Mean Reversion Trading“ (Rückkehr zum Mittelwert) versteht man eine Handelsstrategie, die auf der Annahme basiert, dass sich die Preise von Finanzprodukten nach deutlichen Ausschlägen nach oben oder unten langfristig wieder ihrem historischen Durchschnitt (dem „Mittelwert“) annähern. ↩︎
- Der Verkaufspreis der Aktien verdient eine Fussnote. Meine beiden geschäftsführenden Partner verfolgten das Projekt, eine kleine Auslandbank in Zürich zu kaufen. Mit einer Banklizenz sollten die Geschäfte ausgeweitet werden. Dazu brauchte es aber eine massive Kapitalerhöhung mit neuen Aktionären. Kontakte zu solchen gab es bereits, aber ich erfuhr als VR-Präsdent nie, wer das war. Das war natürlich inakzeptabel und der Anlass, auszusteigen. Mein talentierter dipl. Bücherexperte hatte bereits eine Aktienbewertung für die neuen Aktionäre gemacht und kreativ die Wertsteigerung durch die Banklizenz eingerechnet. Die potenziellen Zeichner der Kapitalerhöhung hatten dem Preis prinzipiell zugestimmt. Ich bot meine Aktien zum selben Preis minus zehn Prozent zum Rückkauf an, was akzeptiert wurde. Das Bankprojekt scheiterte nach meinem Ausstieg. Vom Cello spielenden IT-Entwickler erfuhr ich später, dass er bei seinem Rückverkauf der Aktien nur noch etwa ein Drittel meines Aktienpreises erhielt. ↩︎



Besten Dank für den spannenden Bericht!
Spannender Bericht und Einschätzung. Am Schluss zählt immer wieder der Kundennutzen ….. und die Märkte haben langfristig immer recht, kurzfristig sind sie eher eine Wettmaschine (a la Buffett)