Der DeepSeek-Schock als Warnung
Bild aus einem YouTube-Referat des kanadischen Bestseller-Autors Malcolm Gladwell.
Nachgereichte Vorbemerkung
Eine Woche nach dem Aufschalten dieses Texts las ich in der NZZ folgenden Satz: “ Der Chatbot von Deepseek kann alles, was Chat-GPT kann – nur günstiger.“ Der Titel zu diesem Beitrag ist also kein Plagiat.
Fähigkeit zum strategischen Handeln
Die Ankündigung der DeepSeek-KI hat kürzlich die Finanzmärkte ein wenig durchgeschüttelt. Mit zunehmender Frequenz erreichen uns im Westen Geschichten von neuen chinesischen Wundertaten. Dass chinesische e-Autos eher früher als später die europäischen Märkte erfolgversprechend angreifen würden, war mir schon im Herbst 2019 klar, als ich auf einer Chinareise in Grosstädten die Schauräume mit neuen chinesischen e-Modellen bewundern konnte.
Inzwischen muss man anerkennen: Die Chinesen können fast alles auch, was wir in den demokratischen westlichen Gesellschaften können, immer öfter sogar besser. Sie sind uns auch in einigen unserer ureigenen Domänen mindestens ebenbürtig. Gerade dort wollen sie besser sein als wir. Ein Beispiel aus der Kultur: Seit einigen Jahren begeistert die Starpianistin Yuja Wang in allen Konzertsälen der Welt ihr Publikum mit galaktisch virtuosen Aufführungen westlicher klassischer Konzertmusik.
Die Regierungen der westlichen Wohlfahrtsstaaten scheinen unter dem Druck kurzfristiger Wählerinteressen und daraus resultierender Überschuldung kaum mehr in der Lage zu sein, strategisch vorausschauend zu handeln. Dies zeigt sich zum Beispiel in der weitgehenden Abhängigkeit europäischer „Energiewenden“ von chinesischen Ressourcen, Produkten und Technologien. In einem Referat auf YouTube zeigt Scott Tinker, Staats-Geologe des Bundesstaats Texas und Professor an der Universität von Texas in Austin folgende Grafik:
Eine ähnliche Abhängigkeit wie bei den fünf wichtigsten Mineralien besteht für Produkte wie Batterien und Solarpanels. Auch bei der fast CO2-freien Kernenergie sind die Chinesen technologisch mit an der Spitze.
Vorauslaufende Indikatoren
Für den Aufstieg zu einer technologischen Supermacht gab es seit längerem vorauslaufende Indikatoren. Mir sind besonders einige Beiträge des 2023 verstorbenen Bremer Soziologen Gunnar Heinsohn in Erinnerung geblieben. „Europa wird den globalen Kampf ums technische Wissen verlieren“ hiess es im Oktober 2017 in der Überschrift eines NZZ-Artikels von Heinsohn. Dort verglich er Mathe-Leistungen von Schülern in asiatischen und westlichen Ländern und schrieb:
Unter 1000 zehnjährigen Schülern erreichten bei ‚Trends in International Mathematics and Science Study‘ (Timss) 2015 in Hongkong 450 und in Singapur sogar 500 die höchste mathematische Leistungsstufe. In Gesamt-Ostasien liegen die Japaner mit 320 Assen unter 1000 Schülern am Schluss. Erst im globalen Vergleich zeigt sich die Aussagekraft dieser Werte. So hat Frankreich unter 1000 Kindern lediglich 20 solcher Könner. Deutschland steht mit 53 auf 1000 etwas besser da.
Chinas Wert sei zwar noch unbekannt, schrieb Heinsohn, sollte aber nicht allzu weit unter jenem von 350 der Verwandten in Taiwan liegen. Zudem verwies er auf die Tatsache, dass es in Hongkong, Singapur, Südkorea und Japan über vier Millionen chinesische Einwanderer gebe. Die Einwanderungsfilter lassen dort aber in der Regel nur Aspiranten durch, die sich mit einer überdurchschnittlichen Kompetenzausstattung qualifizieren.
Gladwells ergänzende These
Der kanadische Journalist, Bestseller-Autor und Unternehmensberater Malcolm Gladwell erklärt die höheren Mathe-Leistungen asiatischer Kinder mit sehr langfristig gewachsenen kulturellen Unterschieden zu westlichen Gesellschaften. Differenzen beim IQ, die in Studien nachgewiesen wurden, spielen bei ihm keine Rolle. Die oben gezeigte Grafik steht im Einklang mir den Daten im Artikel von Heinsohn. Die vier Flaggen stehen für Hongkong, Singapur, Südkorea und Japan.
Gladwell verweist aber auf zusätzliche Beobachtungen bei der Lösung von aufwendigen Tests. Asiatische Kinder sind viel hartnäckiger als westliche, wenn es darum geht, eine anspruchsvolle, ermüdende Aufgabe zu bewältigen. Sie sagen sich, wenn ich mich anstrenge, kann ich das Problem lösen. Dagegen ist die vorherrschende Haltung bei westlichen Kindern gemäss Gladwell grundlegend anders: Entweder kann ich es oder ich kann es nicht, und das ist eine Frage angeborener Fähigkeiten. Genau diese Einstellung habe ich selbst hautnah bei Mitschülern bei Mathe-Aufgaben am Gymnasium erlebt.
Das „Mayor Model“ als Erklärungsmuster
Mit einer befreundeten Sinologin hatte ich schon oft Diskussionen über die Ursachen des Phänomens „China auf der Überholspur“. Sie beharrt stets darauf, dass der kommunistische Zentralstaat diese Entwicklung autoritär steuere und dass alles vom Wohlwollen der KPC abhängig sei. Und sie betont auch immer wieder die Schattenseiten der Parteidiktatur. Ich frage dann jeweils, wie sie sich erkläre, dass die sowjetische Parteidiktatur wirtschaftlich im Niedergang endete, während die chinesische Variante eine ungeahnte Wachstumsdynamik mit grosser Breitenwirkung für die Bevölkerung entzündete.
Aus ökonomischer Warte sucht man bei solchen Fragen automatisch nach institutionellen Erklärungsmustern. Nur wenn es wirtschaftlichen und politischen Wettbewerb gibt, der für privates Unternehmertum wachstums- und innovationsfördernde Anreize setzt, ist ein so einmaliger Aufstieg möglich. Dazu gehört, dass erfolgreiche Unternehmer die Früchte ihres Einsatzes mehrheitlich für sich behalten können. Die chinesische Ökonomin Keyu Jin gibt dazu anregende, weil ungewöhnliche Antworten in ihrem Referat „China from within: Myths and realities in a new era“, auf YouTube hier zu sehen.
Ihre Hauptaussage: China erscheint zwar als politisch zentralisiert, ist aber wirtschaftlich und auch politisch viel dezentralisierter als man im Westen meint. Ein wichtiger Treiber der Entwicklung ist der Wettbewerb unter den Bürgermeistern grösserer Städte. Jin spricht vom „Mayor Model“. Bürgermeister sind zwar nicht gewählt, aber sie stehen in Konkurrenz zu anderen Städten und Bürgermeistern, und sie wollen in der Parteihierarchie aufsteigen. Der Aufstieg ist ausgesprochen meritokratisch. Erfolg misst sich daran, ob es ihnen gelingt durch Ansiedlung innovativer Unternehmen ihre Stadt wirtschaftlich erfolgreich zu machen und ins Rampenlicht zu rücken. Dieser Wettbewerb bedeute, dass es in China nicht bloss ein Silicon Valley gebe, sondern Hunderte.
Es ist gemäss Ökonomin Jin ein verzerrtes Bild der Realität, wenn man im Westen meint, der Zentralstaat subventioniere direkt die Entwicklung neuer Technologien und Produkte. Vielmehr benützten die Stadtregierungen kreativ diverse Förderinstrumente, um möglichst die besten Unternehmen anzulocken. Jin nennt durchaus auch Schattenseiten und Herausforderungen der aktuellen Lage, und sie liefert interessante Strukturdaten zu der im Westen oft bezweifelten Selbsteinordnung Chinas als Entwicklungsland.
Nachbemerkung
Kein noch so grosser wirtschaftlicher und technologischer Erfolg Chinas kann das Land von den unvorstellbaren Gräueln entlasten, die auf das Konto Maos und seiner Genossen gehen. Das gilt umso mehr, als am „Tor des himmlischen Friedens“ auf der Nordseite des Tian’anmen-Platzes immer noch das riesige Bild von Mao den Eingang zur Verbotenen Stadt „ziert“. Diesen kulturellen Unterschied zu Europa, im Fokus Deutschland, sollte man bei aller Bewunderung für den Aufstieg Chinas immer mitbedenken. Und was Chinas Ziel der Wiedervereinigung mit Taiwan betrifft, wird sich China kaum an das deutsche Drehbuch halten.


