Mehr Flaute als Wind

Warum die Schweiz kein Windland ist

Screenshot von der Webseite von Suisse Eole, dem Interessenverband der Windstrombranche

Es gehört zu den Eigenheiten einer reifen Demokratie wie der Schweiz, dass alle wirtschaftlichen Interessen in politisch aktiven Interessengruppen organisiert sind. Wenn ein neues oder modifiziertes Gesetz in die Vernehmlassung geschickt wird, kann man im Verteiler an die unzähligen interessierten Organisationen ablesen, wie „reif“ unsere Demokratie inzwischen ist. Diese Absicherung gegen Opposition, in der Schweiz vor allem gegen Referendumsrisiken, ist jedoch nicht gratis. Das Zusammenwirken all dieser Interessengruppen im politischen Prozess kostet die Volkswirtschaft Wachstum und Wohlstand – eines der Kernthemen der politischen Ökonomie.

Davon soll aber hier nicht die Rede sein, sondern von den Gründen, weshalb die Schweiz kein Windland ist. Diese Ansicht teilt die schweizerische Windstrombranche natürlich überhaupt nicht. Selbstverständlich vertritt auch diese Branche ihre Interessen über einen Verband, der unter dem Namen Suisse Eole auftritt. Auf der Webseite von Suisse Eole liest man klassische politische Propaganda, die sich am flachen Durchschnittswissen der breiten Bevölkerung orientiert:

Windstrom ist einheimisch und unerschöpflich. – Einheimisch? Woher kommen denn all die Windkraftanlagen? Fast nur aus dem Ausland, überwiegend aus China. Unerschöpflich? Nach rund 20 Jahren müssen die Windräder ersetzt werden.

Wind- und Solarenergie sind gratis! – Gratis? Liefern uns die Chinesen und andere ausländische Hersteller ihre Solarpanels und Windräder gratis? Und was ist mit den Kosten für die Errichtung solcher Anlagen? Und mit dem ganzen Unterhalt? Und mit dem notwendigen Netzausbau?

Windstrom ist der Winterpfeiler der Energieversorgung. – Winterpfeiler? Um die grosse und weiter wachsende Winterstromlücke zu decken, übersteigen die dazu notwendigen Zubaukapazitäten die wirtschaftliche, ökologische und politische Machbarkeit bei weitem.

Es kann wohl nicht schaden, wenn man gegen solche Propaganda ein wenig Grundwissen über die Windstromproduktion verbreitet. Auf der Webseite von Suisse Eole ist darüber nichts zu finden.

Grundwissen um Windkraft
Ich stellte Google Gemini folgende Frage: „Um wie viel grösser ist die Stromproduktion einer Windkraftanlage, wenn der Wind doppelt so stark bläst?“ Google Gemini antwortete in Sekundenschnelle: „Die Stromproduktion einer Windkraftanlage ist achtmal so gross, wenn der Wind doppelt so stark bläst.“ Oder umgekehrt: Wenn und wo der Wind nur halb so stark bläst wie an anderen Orten, ist die Stromproduktion theoretisch um das achtfache geringer. Praktisch ist es eher das vierfache, da die Konstruktion der Windräder Anpassungen an die Windgeschwindigkeit erlauben. Die Diskrepanz zwischen idealen und unterdurchschnittlichen Windregionen bleibt aber sehr gross. Es ist deshalb kein Zufall, dass in Deutschland die meisten Windräder in den windreichen Regionen der Nordsee und von Norddeutschland und nicht in Bayern aufgestellt wurden.

Diese Karte veranschaulicht die durchschnittliche Windgeschwindigkeiten im nördlichen Europa, die Schweiz am unteren Rand:

Skala von tiefrot (sehr hohe Windgeschwindigkeit) zu hellblau (sehr tiefe Windgeschwindigkeit)
(Quelle: Global Wind Atlas)

Kaum gute Standorte in der Schweiz
In der Schweiz gibt es an zugänglichen Orten keine grösseren Regionen, wo die Windverhältnisse mit denen in windreichen Gegenden vergleichbar wären. Dabei geht es nicht nur um die Windstärke, sondern auch um den sogenannten Lade- oder Kapazitätsfaktor. Dieser drückt aus, wie viel ihrer maximal möglichen Leistung eine Windkraftanlage über das Jahr im Durchschnitt erzeugt. Dazu liefert Google Gemini wieder nützliche Angaben:

„Der durchschnittliche Ladefaktor (oder Kapazitätsfaktor) für Windkraftanlagen in der Schweiz liegt je nach Standort in einem Bereich von etwa 18 % bis 28 %. Der Durchschnittswert für die Schweiz wird oft mit rund 20 % angegeben. Das bedeutet, dass eine Windkraftanlage in der Schweiz über das Jahr hinweg im Durchschnitt 20 % ihrer maximal möglichen Leistung erzeugt. Im Vergleich zu idealen Standorten an der Küste, wo Ladefaktoren von 50 % und mehr erreicht werden, sind die schweizerischen Werte sehr niedrig.“

Auch in den USA liegt der durchschnittliche Kapazitätsfaktor für Onshore-Windenergie mit etwa 35 % weit über dem schweizerischen Durchschnittswert. An idealen Standorten wie in Kansas liegt er bei 47 %.

In den Wintermonaten sind sowohl Windstärke als auch Ladefaktor überall höher als im Jahresdurchschnitt, auch in der Schweiz. In den sechs Wintermonaten fallen bei uns zwei Drittel der Windstromproduktion an. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Winterstromlücke mit der Abschaltung der Kernkraftwerke und mit dem Verzicht auf einen Neubau bis ins Jahr 2050 derart gross wird, dass der Beitrag von Windstrom aus wirtschaftlichen, ökologischen und politischen Gründen niemals den Beitrag leisten kann, den sich die Energiewende-Enthusiasten und die Förderprofiteure versprechen.

Die Eigenwirtschaftlichkeit von Windkraft ist bei derart ungünstigen Verhältnissen wie in der Schweiz kaum irgendwo gegeben. Und sind einmal die wenigen guten Standorte genutzt, wird ein weiterer Ausbau an schlechteren Standorten wirtschaftlich immer weniger lohnend (Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag). All dies führt zwingend zur Forderung nach Fördergeldern. Gewöhnlich landen die Förderkosten dann in Form von Abgaben oder Netzzuschlägen auf der Stromrechnung. Die Schweiz ist schon jetzt kein billiges Stromland mehr. „Gratis-Windstrom“ wird daran nichts ändern – im Gegenteil.

Deshalb, lieber Herr Bundesrat Rösti, brauchen wir keinen Beschleunigungserlass für Aktivismus auf einem Irrweg. Wenn schon Beschleunigung, dann bei der Rückkehr zur Kernenergie!