Netto null – das neue grüne Glaubensbekenntnis

Die Gletscher-Initiative ist der grösste Etikettenschwindel der schweizerischen Abstimmungsgeschichte. Den Leuten wird suggeriert, wir Schweizer hätten es in der Hand, das Abschmelzen unserer Alpengletscher zu verhindern. Denn wer liest schon den Initiativtext? Netto null CO2 ist zum neuen grünen Glaubensbekenntnis geworden, dem nun alle Parteien mit Ausnahme der SVP huldigen. Auch der Bundesrat hat nachgezogen. Die Differenzen liegen nur noch beim Zieltermin: 2030 (Klimajugend), 2040 (BDP) oder 2050 (Bundesrat). Der mehr oder weniger rasche Ausstieg aus den fossilen Energieträgern ist beschlossene Sache.

Professor Thomas Stocker (Universität Bern) zeigte in einem Referat an einer kürzlichen NZZ-Konferenz, was nötig wäre, um das 1.5°C-Ziel zu erreichen, das vom Weltklimarat (IPCC) vorgegeben und von der UNO-Staaatengemeinschaft zumindest deklamatorisch mitgetragen wird. Das noch verbleibende CO2-Budget müsste gemäss IPCC in den nächsten 13 Jahren auf Null gebracht werden, was einer jährlichen Reduktionsrate von 7.5 Prozent entspricht. Unser CO2-Ausstoss, der immer noch ungebrochen weiter wächst, müsste also ab sofort dramatisch gebremst werden!

Doch was geschieht derweil effektiv in der grossen weiten Welt? Die bisherige internationale Klimapolitik hat kaum Wirkung gezeigt. Nach dem BP Statistical Review 2019 ist der Gesamtenergieverbrauch der Welt von 1992 bis 2018 um 69 Prozent angestiegen. Der fossile Anteil blieb längere Zeit bei 87 Prozent konstant. Erst seit 2012 fiel er langsam auf 85 Prozent. Noch immer werden also mehr als vier Fünftel unseres Energiebedarfs durch fossile Quellen gedeckt. Auch der jährliche Mehrverbrauch ist zum überwiegenden Teil fossil.

Und doch gibt es erste Anzeichen einer noch schwachen Wende: Seit 1992 ist der Anteil Öl am Gesamtenergiemix um knapp sieben Prozent gesunken und durch rund vier Prozent Erneuerbare und drei Prozent Gas ersetzt worden. Gleichwohl darf man die Proportionen nicht aus den Augen verlieren. Ungeachtet von fantastischen Ausbauraten von Wind- und Solarenergie in den letzten Jahren machen sämtliche erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft) erst vier Prozent des Gesamtverbrauchs aus.

Zudem hat der Zuwachs an CO2-Emissionen zum überwiegenden Teil im Raum Asien/Pazifik stattgefunden, zu mehr als der Hälfte in China. Alle Reduktionen, die Europa realisiert hat, sind durch China und Indien mehrfach wettgemacht worden. Und die Gewichte werden sich weiter verlagern: Indien wird China in absehbarer Zukunft als energiehungrigstes Land überholen, getrieben von weiterem Bevölkerungswachstum und einem noch bescheidenen Pro-Kopf-Energieverbrauch.

All diese energiepolitischen Veränderungen hat die Internationale Energieagentur (IEA) ihrem Outlook 2019 zugrunde gelegt. Im Szenario «New Policies» geht sie zudem davon aus, dass alle Länder bis 2040 ihre Versprechungen, die sie im Pariser Klimaabkommen abgegeben haben, vollständig erfüllen werden. Das Resultat ist ernüchternd: Der Energieverbrauch steigt um weitere 25 Prozent und auch der CO2-Ausstoss verharrt auf einem leichten Aufwärtspfad. Eine unüberbrückbare Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit tut sich hier auf: laut IPCC sollten wir das CO2 jährlich um über 7 Prozent senken, die besten Berechnungen aufgrund optimistischer Annahmen zeigen ein weiteres geringes Wachstum.

„Wenn wir alle zusammen unseren Lebensstil ändern, können wir den Klimawandel stoppen.“ Das sagte die NR-Kandidatin Selina Walgis von den Jungen Grünen im Gespräch mit der NZZ. Diesem Satz werden viele Leute heutzutage sicher zustimmen, weil die Zustimmung nichts kostet, aber ein gutes Gefühl vermittelt. Doch wie möchte die junge grüne Hoffnungsträgerin drei Vierteln der Menschheit unseren geänderten Lebensstil schmackhaft machen? Durch gutes Zureden oder doch eher durch eine autoritäre Weltregierung? Man kann nur hoffen, dass sich auch die Wahlberechtigten solche Fragen stellen, bevor sie den Wahlzettel ausfüllen.

Dieser Text von Martin Schlumpf und Hans Rentsch erschien minim redigiert in der Weltwoche Nr. 36.19

FDP – „Green New Deal“

Zur klimapolitischen Kurskorrektur der FDP.Die Liberalen

„Die Schweiz als reiches Land kann es sich leisten, einen grösseren Effort für die Zukunft des Planeten zu leisten als andere.“ So redete gemäss NZZaS der Zürcher Ständerat Ruedi Noser den FDP-Delegierten an ihrer Versammlung letztes Wochenende ins Gewissen. Und weiter forderte Noser: „Wir sollten bis 2050 klimaneutral sein.“ Was in den nächsten 30 Jahren sonst noch so auf der Welt passieren könnte, danach fragte niemand. Der Umweltflügel habe sich bei den Delegierten durchgesetzt, schrieb die NZZaS-Journalistin. Nicht nur wurde Klimaneutralität bis 2050 als Ziel bestätigt. Auch die Massnahmen des Positionspapiers aus der Befragung der FDP-Basis erhielten die Zustimmung der Delegierten: eine CO2-Abgabe auf Treibstoffen und eine Abgabe auf Flugtickets. Zudem will die Basis ein klares Bekenntnis zu den Zielen der Pariser Klimakonferenz und ein Inlandziel bei der Reduktion der Treibhausgase.

Ist irgendwo in diesem „Green New Deal“ der FDP noch ein kreativer Unterschied zu den Positionen von Links-Grün zu erkennen? Kaum. Im Hinblick auf die Wahlen im Herbst klingt nun die FDP, ganz auf der Linie ihres Sprachrohrs Noser, zum Verwechseln ähnlich wie die links-grünen Parteien. Sie hat sich quasi deren Deutungshoheit unterworfen. Man ist jetzt für das CO2-Gesetz mit Lenkungsabgabe, eine Abgabe auf Flugtickets und einen hohen Anteil an Inlandreduktion beim CO2. Skepsis gegenüber den illusionären Zielen der Pariser Klimakonferenz ist nicht mehr opportun. Man könnte sagen, dass die FDP aus Sorge vor Wahlverlusten „merkelt“. Merkel sicherte sich ihre Macht bekanntlich durch die Übernahme von links-grünen Anliegen. Das könnte sich im laufenden Wahljahr auch bei der FDP zumindest teilweise bezahlt machen. So funktioniert politische Logik. Mit guter Politik hat das wenig zu tun.

Dass die FDP-Basis, die jetzt den Kurs weitgehend bestimmt, „grüner“ tickt als die FDP-Kader, kann nicht verwundern. Die Meinungen in der breiten Bevölkerung sind von Illusionen über die Wirksamkeit von CO2-Vermeidungsstrategien dominiert. Zudem zeigt die Befragung der FDP-Basis, dass sich Links-grün in der öffentlichen Meinung längst die Deutungshoheit darüber gesichert hat, was als als korrekte Umwelt- und Klimapolitik zu gelten hat. Umso erstaunlicher ist die mehrheitliche prinzipielle Zustimmung der FDP-Basis zur Kernenergie, was die NZZaS-Journalistin als widersprüchlich taxiert. Ist es aber im Rahmen einer umfassenden CO2-Reduktionspolitik überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, wie auch massgebende Stimmen des Weltklimarats IPCC betonen. Darüber will aber die FDP-Parteileitung nicht diskutieren, und so wurde diese Ergebnis der Basisbefragung im Positionspapier einfach weggelassen. Das Volk habe darüber bereits entschieden, heisst es, und es wolle aus wirtschaftlichen Gründen ohnehin niemand Mittel in den Ausbau der Kernkraft stecken.

Die ganze Problematik der ideologisch-moralisch aufgeladenen links-grünen Energie- und Klimapolitik zeigt sich allein schon im Widerspruch, fossil erzeugte Energie vermeiden zu wollen, jedoch auf den Beitrag der teuflischen Kernenergie zu verzichten. Das Energiegesetz als Teil der Klimapolitik wurde dem Stimmvolk mit dem endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie schmackhaft gemacht. Die VOTO-Nachbefragung ergab, dass das Verbot des Baus neuer AKW das wichtigste Motiv der Ja-Stimmenden war. Da hatte Energieministerin Doris Leuthard zugunsten ihres Prestigeprojekts richtig kalkuliert.

Ob auch die FDP mit ihrem Schwenker Richtung links-grün richtig kalkuliert, wird sich im Herbst zeigen. Für die Schweiz ist es jedenfalls wenig erbaulich, wenn am Schluss die SVP als einzige Partei dem aktuellen Hype um „Klimaschutz“ entgegenhält. Die schädliche Konstellation „alle gegen die SVP“ sollte endlich überwunden werden. Es gäbe ja gegen die Ressourcen verschwendende Klimapolitik links-grüner Deutungshoheit durchaus auch Argumente, die einer ursprünglich wirtschaftsliberalen Partei gut anstehen würden. Zum Beispiel die Kritik an teurer Symbolpolitik und die Forderung nach Effizienz auch in der Klimapolitik. Mit dem eingesetzten Franken soll eine möglichst grosse Wirkung erzielt werden. Das beliebte Argument „alle müssen etwas beitragen“, wäre als ökonomischer Humbug zu entlarven. Aktiv soll man dort werden, wo die knappen Mittel am meisten bringen. Im Inland ist CO2-Vermeidung sicher am teuersten. Man fragt sich, warum die FDP sich nicht dadurch vom Rest der Herde abheben will, indem sie in der öffentlichen Debatte den CO2-Emissionshandel der EU mit „cap and trade“ als sinnvolles Instrument propagiert.

Schliesslich würde es auch zu einer langfristig zukunftsgerichteten, nicht-populistischen Partei ohne fundamentalistische ideologische Fixierung gehören, dass sie es wagt, die Wirksamkeit gängiger Politik zu hinterfragen. Denn immer öfter vernimmt man massgebende unbefangene Fachmeinungen, welche den geforderten Verzicht auf fossile Energie mit dem Ziel der Klimaneutralität durch CO2-Vermeidung als vollkommen illusionär betrachten und einen grundsätzlich anderen Ansatz fordern. Der Entzug von CO2 aus der Luft wie in der Pilotanlage von Hinwil ZH ist längerfristig wahrscheinlich weniger aussichtsreich als eine Sequestrierung von CO2 im Boden oder eine technische Klimakühlung, wie sie auch von Sven Titz in der NZZ vom 13. Juni erwähnt worden ist. Wenn Klimaerwärmung wirklich das Problem ist, sollte man primär danach forschen, wie man die Erwärmung stoppt, ohne Ressourcen mit marginaler Wirkung zu verschwenden. Die FDP könnte sich mit einer solchen Zukunftsperspektive klar von den anderen Parteien abheben.

Dieser Text erschien als Gastkommentar in der NZZ vom 28. Juni 2019. FDP-Präsidentin Petra Gössi reagierte in einer Replik in der NZZ vom 4. Juli auf die Kritik: https://www.nzz.ch/meinung/verantwortung-zu-uebernehmen-ist-urliberal-ld.1493662

SRF 2 Kultur – auf der Suche nach Opfern

Unser Kulturradio SRF2 scheint permanent auf der Suche nach Opfern und sozialen Ungerechtigkeiten zu sein. Auch in Auslandbeiträgen geht es häufig um irgendwelche Verhältnisse, die angeprangert oder für die wir als reiche Privilegierte sensibilisiert werden müssen.

In der heutigen Kontext-Sendung „Arbeitslos mit über 50“ ging es um das nationale Problem der Beschäftigung von älteren „Arbeitnehmenden“ und die Massnahmen, mit denen die „Arbeitgebenden“ dazu gebracht werden könnten, ältere „Arbeitnehmende“ weiterhin zu beschäftigen, statt diese durch jüngere „Arbeitnehmende“ zu ersetzen. Die Moderatorin Sabine Bitter sprach mit dem Arbeitsrechtler Kurt Pärli von der Universität Basel.

Wer sich durch die bei unseren Staatsmedien missionarisch betriebene Sprachverhunzung, hier mit den „Arbeitnehmenden“ und „Arbeitgebenden“, nicht abschrecken liess und tapfer durchhielt, erhielt einmal mehr die Bestätigung, dass viele Kontext-Sendungen und Sendungen zu anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Themen mit befangener Moderation ablaufen. Beschäftigung ist bekanntlich primär ein ökonomisches Thema, aber man wählt für das Gespräch lieber einen wohl gesinnten Arbeitsrechtler, der sich erst noch als Anhänger von Lösungen outet, die vor allem im linken politischen Spektrum populär sind.

Ständig ist von der Diskriminierung der über 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt die Rede, aber sowohl der Moderatorin als auch dem Gast fehlt mit ihrer überzeugt richtigen Gesinnung jegliches Verständnis für die ökonomischen Fakten. So kommen sie auch nicht auf die Idee, dass Massnahmen, welche die Unternehmen zur (Weiter-)Beschäftigung älterer Personen bringen oder gar zwingen sollen, auch diskriminierend sein können, nämlich gegenüber Jüngeren, welche für die gleiche Leistung weniger kosten und für das Unternehmen längerfristig gesehen eine vorteilhafte Investition darstellen können.

Schliesslich wird von Ökonomen seit Jahren emnpfohlen, endlich die Kosten älterer Arbeitnehmer zu senken, um sie auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähiger zu machen. Einerseits sollen Löhne nach Alter 50 auch wieder sinken können. Und zweitens sollen in der 2. Säule der Altersvorsorge endlich die höheren Beiträge der Älteren reduziert werden. Würde dies angegangen, könnte man auf all die fragwürdigen politischen und gesetzlichen Eingriffe verzichten, die im Umlauf sind und auch in dieser Kontext-Sendung wohlwollend erwähnt wurden.

Unsoziale SNB-Frankenmanipulation – wie lange noch?

Seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses von CHF 1.20 durch die Schweizerische Nationalbank SNB hat sich der Schweizer Franken auf einem Niveau zwischen 1.11 und 1.14 eingependelt. Allerdings geschah dies nicht ohne Interventionen der SNB, Einführung von Negativzinsen inklusive. Der Kurs wurde und wird also „gepflegt“. SNB-Präsident Thomas Jordan wiederholt in öffentlichen Auftritten rituell seine Begründung, der Franken sei immer noch latent überbewertet, und bei Verunsicherung der Märkte drohe jederzeit eine Flucht in den Franken. Diese Begründung überzeugt allein schon deswegen nicht, weil die SNB in ihrer bisherigen Praxis gegenüber dem Euro nicht „symmetrisch“ intervenierte. Als der Franken nach der Einführung des Euro mit Kursen im Bereich von deutlich über CHF 1.50 jahrelang stark unterbewertet war, was den Interessen der Schweizer Exportwirtschaft entgegenkam, blieb die SNB still sitzen. Daraus lässt sich unschwer die Vermutung ableiten, die SNB bediene mit ihrer Politik der Frankenschwächung eigentlich uneingestanden vor allem auch die Interessen der Exportwirtschaft. Dies in einer Volkswirtschaft, die seit Jahren massive Leistungsbilanzüberschüsse erzielt.

Die Kollateralschäden der SNB-Negativzinspolitik sind bekannt und schon vielerorts beschrieben worden. Die unsozialen Folgen verdienen aber besondere Aufmerksamkeit. Kleinsparer, die sich riskantere Anlagen mit positiven Renditen nicht leisten können, erleiden wegen der Teuerung Jahr für Jahr auf ihren Nullzins-Sparkonten reale Verluste. Weil die meisten Leute nominell denken (Geldillusion), ignorieren sie reale Verluste. Am anderen Ende des Einkommens- und Vermögensspektrums verdienen Anleger als Profiteure der Geldschwemmenpolitik der Zentralbanken und der resultierenden „asset price inflation“ Vermögenserträge aus Dividenden und Vermögenszuwächse. Wer also die zunehmende Ungleichheit anprangert, sollte die Verantwortlichkeit der Zentralbanken, SNB eingeschlossen, nicht übersehen.

Eine weitere unsoziale Folge beobachten wir auf dem Wohnungsmarkt. Zwar haben wir so niedrige Hypothekarzinsen wie noch nie, aber diese Medaille hat für potenzielle Wohnungskäufer sogar zwei Kehrseiten. Einerseits sind die Liegenschaftspreise in einer Gegenbewegung zu den Kreditzinsen generell beträchtlich gestiegen. Anderseits müssen die kreditgebenden Institute auf Geheiss der SNB äusserst restriktive Tragbarkeitsregeln anwenden. Sie benützen heute, da 10-jährige Hypotheken zu einem Zinssatz von 1 Prozent erhältlich sind, einen kalkulatorischen Zins von sage und schreibe 5 Prozent. Mit einem Jahreseinkommen von „bloss“ CHF 100’000 ist ein Wohnungskauf heute praktisch nur noch mit viel Eigenkapital möglich. Mit anderen Worten: Jüngere Leute, die noch wenig sparen und nicht erben konnten, sind vom Kauf einer Wohnung praktisch ausgeschlossen.

Stossend an diesen Zuständen ist schliesslich, dass die Pensionskassen als Folge der SNB-Negativzinspolitik die Zwangsersparnisse der Versicherten mangels sicherer Alternativen massiv in Immobilien investieren, wo noch eine langfristig akzeptable Rendite winkt. Zuerst schmälert man also durch das 2.Säule-Zwangssparen die privaten Sparmöglichkeiten der Leute. Dann bauen die Pensionskassen mit den Ersparnissen der obligatorisch Versicherten Wohnungen, welche dieselben Leute, denen man den Erwerb einer eigenen Wohnung praktisch verunmöglicht, danach von den Pensionskassen mieten können.

Das Wasser am Hals – aber nicht wegen dem Klima!

„Nur gerade 60 Prozent der Jugendlichen können am Ende der obligatorischen Schulzeit ordentlich rechnen.“ So berichtete die NZZaS am 26. Mai über eine grossangelegte Untersuchung. Dieser alarmierende Befund erlaubt keine starken Bilder wie die Demos unserer Klimajugend:

So wird die Leserschaft vollkommen verzerrt über die Dringlichkeit von gesellschaftlichen Problemen fehlinformiert. Der mangelhafte Bildungserfolg all der unzähligen kostspieligen Schulreformen müsste Eltern und Politik längst alarmieren. Die Zukunft unseres Landes steht auf dem Spiel. Wenn kritische Stimmen allenfalls noch schlagwortartig die „Ökonomisierung der Schule“ beklagen, fördern sie in der Öffentlichkeit falsche Assoziationen: Die Schule sei heute viel zu stark auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet. Dabei kommt die ganze Kompetenz- und Messbarkeits-Ideologie von oben aus der überbordenden Bildungsbürokratie, die bekanntlich politisch eher linkslastig tickt.

Was den Bedürfnissen der Wirtschaft nach ihren eigenen Worten am besten dienen würde: Wenn möglichst nicht nur 60 Prozent, sondern eher 90 Prozent der Jugendlichen am Ende der Schulzeit ordentlich rechnen könnten. Und wenn Jugendliche beim Hochschuleintritt auch ordentlich schreiben könnten, was erwiesenermassen nicht der Fall ist! Wer die Grundfertigkeiten Lesen-Rechnen-Schreiben in der Jugendzeit nicht genügend geübt und gelernt hat, dem droht später im Berufsleben das Wasser zum Hals zu stehen.

Anti-STAF: Multis als Profiteure?

Einer neuen McKinsey-Studie über die sinkende Standortattraktivität der Schweiz für multinationale Firmen ist gemäss NZZaS zu entnehmen, dass Multis

  • rund 26 Prozent aller Erwerbstätigen im Land beschäftigen
  • etwa einen Drittel des Bruttinlandprodukts BIP erwirtschaften
  • für ca. 47 Prozent der Unternehmenssteuern aufkommen.

Trotz diesen Fakten baut das linke Referendums-Komitee gegen die Unternehmenssteuerreform im Rahmen des Doppelpacks STAF auf den spontanen Reflex vieler Leute gegen den pauschalen Sündenbock der anonymen „Konzerne“. Das hat sich noch allemal gelohnt, da Fakten in emotional und ideologisch belasteten Abstimmungskämpfen kaum eine Rolle spielen. Es geht um Werte und darum, auf der richtigen Seite der Moral zu stehen.

Es gibt im linken politischen Spektrum auch Befürworter des STAF-Pakets. Als wichtigste Kraft hat die SP die JA-Parole beschlossen. Mit anderen Worten: Die Linke ist zwar gespalten, aber eigentlich doch nicht wirklich. Denn die linken Befürworter haben bereits angekündigt, dass sie Steuersenkungen für Firmen (Jargon: „Steuergeschenke“) in den Kantonen bekämpfen würden. Denn dort geht es dann bei der Umsetzung der UST-Reform ums Eingemachte.

Selbstverständlich beeinflusst die unsichere Lage aus diesem jahrelangen direktdemokratischen Gerangel um eine Reform der Firmenbesteuerung die Standortentscheidungen grosser Unternehmen. Es ist deshalb zu erwarten, dass sich die warnenden Erkenntnisse aus der McKinsey-Studie auch in die Zukunft extrapolieren lassen. Ist aber egal. Hauptsache ist, dass wir uns selbst weiter als Demokratie-Weltmeister feiern können…

Zwei mal Anti-STAF

Zwei Referendumskomitees – eines von links, eines bürgerlich – erhielten im „Abstimmungsbüchlein“ des Bundesrats Raum für ihre Argumente. Und so sieht die Raumaufteilung aus:

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Das bürgerliche Referendumskomitee erhält bescheidene sechs Zeilen, das linke Komitee beansprucht rund sechs mal mehr Raum. Darf man fragen, weshalb die zuständigen Behörden so etwas in Ordnung finden?

Auch inhaltlich fallen die Unterschiede auf: Auf den sechs Zeilen des bürgerlichen Komitees findet man in nüchternem Ton zwei gewichtige Sachargumente. Dagegen strotzt das linke Argumentarium nur so vor Polemik. Mit der Dämonisierung von Multis und Konzernen hat man beim Stimmvolk schon oft gute Erfahrungen gemacht, also haut man weiter frisch drauf los! Und die Schlagworte Steuerbschiss, Milliardenverluste und Steuergeschenke haben schon früher gut funktioniert. Wer weiss schon, dass sich die Firmensteuererträge von Bund, Kantonen und Gemeinden in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt haben und unseren Luxus-Wohlfahtsstaat kräftig mitfinanzieren? Wer will sich schon mit Fakten herumschlagen, wenn es in unserer geheiligten direkten Demokratie auch mit Polemik geht!

„Verzicht fällt schwer“

Die NZZ am Sonntag will beim Hype um unsere politisch aktivierte Klimajugend, die den baldigen Weltuntergang befürchtet, nicht abseits stehen. In der Ausgabe vom 14. April konnte man sich dank der NZZaS ein Bild von unserer Klimajugend machen: Interview mit drei jungen Jungen Grünen, die alle schon in irgend einem kommunalen oder kantonalen Parlament sitzen.

„Verzicht fällt schwer“, sagt da plötzlich eine(r), und dabei geht es nur um den reduzierten Fleischkonsum. Aber diese sehr vernünftige und empirisch x-fach bestätigte Einsicht auf die ganze Gesellschaft hochzuskalieren, nämlich im Sinne von Verzichts- oder Opportunitätskosten, das übersteigt das Auffassungsvermögen dieser angehenden politischen Schwergewichte. Deshalb gelangen sie auch zu realitätsfremden energie- und klimapolitischen Rezepten und Forderungen. Und was für Fächer studieren unsere jungen Weltenretter? Die üblichen weichen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen, wo eine ideologische Monokultur herrscht und man kaum je das Risiko eingeht, auf einen Sympathisanten rechts der GLP zu treffen: Medienwissenschaften, Geografie, Politikwissenschaften, Soziologie…

Liebe Klimajugend, gut informiert macht die Demo mehr Spass!

Man kann von ex-Präsident Obama halten, was man will. Doch bei der Wahl seiner Minister achtete er auf fachliche Kompetenz. Sein Energieminister Steven Chu war Physik-Nobelpreisträger. Im März 2015 referierte Chu an der ETHZ zum Klimawandel und brach dabei auch eine Lanze für die Kernkraft. Und bei uns? Bei der jüngsten Departementsverteilung schnappte sich die ausgebildete Pianistin Simonetta Sommaruga das UVEK und gebietet jetzt über die Klimapolitik.

Dieser Text erschien in der NZZ am Sonntag vom 17. März 2019 in der Rubrik „Der externe Standpunkt“. Hier finden Sie den vollständigen Beitrag:

Klimapolitik muss nicht teuer sein

Muss eine ambitionierte Klimapolitik möglichst teuer sein? Die politische Schweiz ist durch graue und schwarze Listen internationaler Organisationen traumatisiert. Deshalb werden auch Verpflichtungen auf Gebieten, wo es keine Listen gibt, durch Politik und Bürokratie mustergültig umgesetzt.Zum Beispiel in der Klimapolitik. Beim CO2 Ausstoss in Tonnen pro Kopf gehört die Schweiz in Europa zu den Besten. Die Niederlande verzeichneten 2016 einen doppelt so hohen Ausstoss wie die Schweiz. Auch das AKW-freie Österreich lag weit über unserem Niveau und hat seit 1990 keine Fortschritte gemacht, während sich die Schweiz klar verbessert hat. Trotzdem gibt es bei der Totalrevision des CO2-Gesetzes Druck für eine ambitioniertere Klimapolitik.

Der vollständige Text erschien in der Rubrik „Meinung & Debatte“ in der Neuen Zürcher Zeitung vom 21. März 2019: